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Kaum war das Finale der Fußballweltmeisterschaft in Deutschland beendet, verstörte eine Hiobsbotschafte die Freunde des Fußballs und Südafrikas gleichermaßen: Die WM 2010 könne mangels verkehrlicher und baulicher Infrastruktur nicht in der Heimat des charismatischen Nelson Mandela, nicht in den märchenhaft schönen Landschaften der afrikanischen Südspitze mit ihren touristischen Traumzielen stattfinden; die USA und Deutschland stünden rechtzeitig bereit, wenn Stadien und Verkehrswege nicht gebaut, Sicherheit nicht garantiert und Besucher nicht transportiert werden könnten.

FIFA-Präsident Joseph S. Blatter sah sich vor wenigen Tagen zur öffentlichen Klarstellung genötigt: Die WM im Süden Afrikas findet statt, die ersten Sponsoren sind gefunden (www.fifa.com) - und die Finanzierung der Stadien? Knapp 640 Millionen Euro sind von der südafrikanischen Regierung für den Bau neuer und die Sanierung bereits bestehender Spielstätten bewilligt worden; zu bedeutend und folgenreich ist schließlich die Entscheidung, das globale, sportlich wie wirtschaftlich faszinierende Spiel erstmals in der Geschichte organisierter Fußball-Weltmeisterschaften auf dem afrikanischen Kontinent stattfinden zu lassen.

Fußball und Wein?

Hat aber die WM auch etwas mit Wein zu tun? Hat denn aktuell der deutsche Wein vom globalen Großereignis profitiert? Die FIFA hat es sich teuer bezahlen lassen, dass exklusiv in den VIP-Bereichen der WM-Stadien ausgewählte Erzeugnisse mit FIFA-Logo ausgeschenkt werden durften. Über 100.000 Flaschen von 55 deutschen Erzeugern wurden für 64 Spiele in die Stadien geliefert; insgesamt wurden rund zwei Millionen Flaschen WM-Wein abgesetzt. Laut Thomas Klaas, Bereichsleiter Inlandmarketing im Deutschen Weininstitut DWI, „ist neben den beachtlichen Absatzzahlen der imagebildende Effekt nicht zu unterschätzen, den unser Engagement für den deutschen Wein insgesamt bewirkt hat. Somit hat sich unsere Investition in die WM mehr als gelohnt.” Weshalb sollten sich diese Effekte nicht auch in Südafrika einstellen, die Kap-Weinregion nicht auch von dem einzigartigen öffentlichen Interesse profitieren, das geradezu „automatisch” jeder WM-Austragungsnation gilt?

Die berühmte Architektur von Dornier

Nach dem Stand der Dinge soll die WM 2010 in einem Land stattfinden, dessen politische Liberalisierung und Demokratisierung zu einer beispiellosen wirtschaftlichen Dynamik geführt hat. Für das heute am stärksten industrialisierte Land Afrikas werden internationale Anleger für Fonds und Anleihen mit den Argumenten umworben, dass das Reiseland immer mehr an Attraktivität gewinnt, mit Rohstoff-Reichtum und stabilem Finanzsystem, regelmäßigem Wirtschaftswachstum und konstant niedriger Inflationsrate, wachsender Mittelschicht und hervorragenden Wirtschaftsaussichten durch einen erwarteten WM-Beschäftigungs-Boom  im Bau-, Tourismus- und Einzelhandelsgewerbe gesegnet ist.
 
Der ökonomischen Dynamik entspricht auch eine kulturelle und gesellschaftspolitische Dynamik: So fand in Kapstadt am 30. Jahrestag des Soweto-Aufstandes die erste Buchmesse mit großer afrikanischer und internationaler Beteiligung statt. Von der "Tochter" der Frankfurter Buchmesse wird erwartet, dass sie zukünftig im stetig wachsenden Buchmarkt Südafrikas die Plattform für Verleger, Autoren und Leser bildet und zu einer größeren Lesekultur beiträgt. Eine weitere wichtige Facette dieser Umwälzungen bildet auch die Bewegung des „Black Economic Empowerment” (BEE), die eine verstärkte Präsenz der schwarzen Bevölkerungsmehrheit auf allen gesellschaftlichen Ebenen vorsieht - dies gilt auch für die Weinwirtschaft, in der direkt und indirekt über 350.000 Menschen, inklusive Weintourismus (www.suedafrika-wein.de), beschäftigt sind.

Entscheidende Weichenstellungen im Weinbau

Altes Weinverkaufsschild in Kapstadt mit den damaligen Topqualitäten
Der weltweite Medienfokus - und somit auch der Blick der Weinliebhaber - wird sich also verstärkt auf eine Weinnation richten, die bereits 1973 ein gesetzliches System beglaubigter Herkunftsbezeichnungen (Wine of Origin) eingeführt und vor allem seit dem Ende des Apartheidregimes und der verstärkten Präsenz Südafrikas in den weltweiten Märkten (ab 1991 schrittweise Aufhebung der von den USA und Europa gegen Südafrika verhängten Wirtschaftssanktionen, 1994 erste demokratische Parlamentswahlen) entscheidende Weichenstellungen im Weinbau vorgenommen hat. Zu ihnen gehören der zunehmende Einsatz von Kaltgärung bei der Weißweinproduktion, von Klonen aus Burgund und von der Loire sowie von Holzfässern (Barriques und größere Maße) zur Reifung von Rotweinen und Chardonnays.

Nach der Emanzipation des südafrikanischen Weinmarktes von der 1918 gegründeten, quasi halbstaatlich alle Weinbaufacetten regulierenden Genossenschaft KWV ( „Kooperatieve Wijnbouwers Vereniging” in Paarl) änderten sich vehement der Rebsortenspiegel, die Strukturen der Weinproduzenten und der Weinproduktion: Der Anteil leichter Tischweine wurde schrittweise zurückgefahren; vor allem die Weißweinproduktion ging von Jahr zu Jahr kontinuierlich zurück. Sauvignon Blanc und Chardonnay sind zu deren qualitativen Flagschiffen geworden. Unter den Rotweinsorten (Anteil 1994: 20 %, 2004: 46 %!) sind es vor allem Cabernet Sauvignon, Cabernet franc und Merlot für die Bordeaux-Blends, aber auch der stetig wachsende Shiraz-Anteil, Pinot Noir und die einheimische, fruchtbetonte Kreuzung „Pinotage” (aus Pinot Noir und Cinsaut), die zur erfolgreichen „Internationalisierung” der südafrikanischen Weinkultur beigetragen haben.

Betonfaßkeller mit Barriques (Dornier)

Wenn heute der südafrikanische Weinbau zwar nach wie vor vom widerstandsfähigen Massenträger Chenin Blanc (gen. „Steen”) mit einem knappen Fünftel der gesamten bestockten Fläche und teilweise extremen Erträgen (bis zu 350 hl!) dominiert wird, sind es doch die „Big Six” Sauvignon Blanc und Chardonnay, Cabernet Sauvignon, Merlot, Shiraz und Pinotage, die im hervorragende Einzelausbau, als Bordeaux- oder Cape Blends (mit Pinotage) für den Anschluß an die qualitative Spitze der Weinnationen stehen.

Die Zahl südafrikanischer Weinproduzenten - immer mehr von ihnen professionell ausgebildet in den Betrieben, an der Weinbauschule Elsenberg und der mittlerweile mit der FH Geisenheim kooperierenden Universität Stellenbosch  - hat sich ebenfalls entscheidend verändert: Waren z.B. noch 1985 unter dem Dach der KWV ca. 6.000 Farmer, 100 lokale Winzergenossenschaften, 50 private Weingüter und 10 Handelskeltereien organisiert, sind knapp 20 Jahre später nur noch ca. 4.400 Winzer für den Weinanbau, für die Weinerzeugung dagegen knapp 560 Betriebe (davon ca. 80 % Privatwinzer sowie Genossenschaften und Handelskeltereien) tätig. Im Vergleich zu Südafrika weist Deutschland auf einer nahezu gleichgroßen Rebfläche (bestockte Fläche ca. 103.000 ha) und fast gleicher Produktionsmenge (ca. zehn Millionen hl) ca. 60.000 Winzerbetriebe und somit eine durchschnittliche Betriebsgröße von nur 1,5 ha gegenüber 25 ha in Südafrika auf.

Wein-Kap in guter Hoffnung - der südafrikanische Weinboom hält an

Keller mit Stahlbehältern von Rustenberg
Und wie präsentieren sich gegenwärtig die südafrikanischen Weine im internationalen Markt (worin Deutschland als Importnation südafrikanischer Weine bereits an vierter Stelle steht)? Zuletzt konnte man sich von deren Vielfalt und Qualität im Rahmen der jährlichen Drehscheibe des internationalen Weingeschäfts, der „Prowein” in Düsseldorf, überzeugen, wo Südafrika - gestern noch „aufstrebende Weinnation”, heute achtgrößter Weinproduzent der Welt - einen nachhaltigen Eindruck hinterließ. So zogen beispielsweise die großen Werbestände der CWD Champagner - & Wein Distributionsgesellschaft (Tornesch) mit Mulderbosch, Hamilton Russel Vineyards, Boekenhoutskloof, Rupert & Rothschild Vignerons sowie die Schlumberger Vertriebsgesellschaft (Meckenheim) mit nicht weniger prominenten Gütern - z.B. Allesverloren, Neill Ellis, Two Oceans, Zwalu - als heftig umschwärmte Südafrika-Verkostungszonen die Fachbesucher an.

Importeure wie Rüdiger Lange, Vertriebsleiter bei Südafrika-Spezialist Klocke Weinimporte (Porta Westfalica), zeigten sich optimistisch: Mit dem Vertrieb renommierter Güter wie La Motte, Simonsvlei und Boschkloof, aber auch des aktuellen Spitzengut-Zugangs "Kleine Zalze" stehen "die "Zeichen nach wie vor auf Wachstum und Expansion"; der "Boom Südafrikas hält an." "Nur Gutes zu Südafrika" wusste auch Julia Lübcke, PR-Managerin bei den beiden großen Vertrieben Mack & Schühle und Weinwelt (Owen/Teck, u.a. Klein Constantia, Tukulu, Stellenzicht, Zonneblom) zu berichten: "Fast alle Weinranges wachsen - auch Plaisir de Merle im On-Top-Ergänzungssortiment macht eine gute Entwicklung", und Nederburg, mit den Linien Classic Range und Manor House Collection im Premium Segment angesiedelt, erweist sich im Lebensmitteleinzelhandel als eine "Topmarke" im Südafrika-Programm.

Herrenhaus von Groot Constantia

Anwesende südafrikanische Winzer wie Lars Maack von Buitenverwachting (Constantia) oder Alexander Baron von Essen, Gründer und Inhaber des nördlich von Kapstadt gelegenen Top-Weingutes Capaia (Philadelphia), zeigten sich durchweg zufrieden: Maack „freut sich jedes Mal hier zu sein, um die neuen Jahrgänge präsentieren zu können" - dies galt vor allem für eine seiner Premium-Marken, den Sauvignon Blanc Constantia, dessen aktueller Jahrgang 2005 mit ausgeprägter Fruchtigkeit und gehaltvoller Struktur zu überzeugen wusste. Auch für Baron von Essen war die "Publikumsresonanz hervorragend": Die Besucher an seinem Stand bei dem auf Spitzenweinimporte spezialisierten Wein Wolf Import teilten seine Begeisterung über den noch als Fasswein zu verkostenden Capaia 2005: Das Flagschiff in klassischer Bordeaux-Cuvée präsentiert mit hoher Konzentration, dichter Würze und langem Nachhall "die bislang beste Lese" dieses erst 1997 gegründeten Weingutes.

Weinboom, Weintradition und WM-Hoffnungen am Kap

Umgeben von Weizenfeldern - Die Reben von Capaia - im Hintergrund die eigene Wasserversorgung und der Tafelberg

Tatsächlich ist Capaia, unter Gütern wie etwa Groot Constantia, Uitkyk und Rust en Vrede, ein „Jungspund” im südafrikanischen WM-Wein-Team: Wenn in Südafrika - wie bislang vorgesehen - 2009 der achte Confederations Cup als sportliche und organisatorische WM-Generalprobe stattfindet, feiert die südafrikanische Weingeschichte ihr 350-jähriges Jubiläum. So lange ist es schließlich her, dass auf dem Weingut „Wynberg” von Jan van Riebeeck, dem Begründer der niederländischen Kolonie am Tafelberg (1652), der erste Wein am Kap gekeltert wurde. Südafrika verfügt über eine reichhaltige Weintradition, aber auch über viele experimentierfreudige, mit High-Tec und Know-How ausgestattete neue Güter. Zusammen bilden sie die Grundlage für weitere erfolgreiche Weinperspektiven.

Jetzt fehlt es im Grunde nur noch an einer Qualitätsoffensive im Fußball: In vier Jahren ist Gastgeberland Südafrika zwar als Teilnehmer automatisch gesetzt, die spielerische Qualität der Nationalmannschaft kann aber mit der schon jetzt grenzenlosen Begeisterung der überwiegend schwarzen Fans nicht mithalten. Das Team scheiterte in der WM-Qualifikation an der in Deutschland überzeugend aufspielenden Mannschaft von Ghana und liebt laut Pressestimmen während der WM „mehr das schöne Spiel mit Tricks als das Toreschießen”. Am Kap leben Fans, Spieler und Funktionäre nun in der Hoffnung, dass alle Stadien rechtzeitig fertiggestellt werden und auch ein möglichst renommierter, erfolgreicher Trainer die südafrikanische Fußball-Ehre wahren wird. Aufstellung, Training und respektable Wettbewerbsteilnahmen der Winzer sind jedenfalls schon verheißungsvoll.

Ausgewählte Informationsquellen zu den Weinen Südafrikas:

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Der maßgebliche Führer durch die südafrikanische Weinszene mit unübertroffener Informationsdichte ist der jährlich neuaufgelegte ”Platter”: „John Platter South African Wines, The Guide to Cellars, Vineyards, Winemakers, Restaurants and Accomodations”, www.platteronline.com. Bezug: Z.B. über die deutsche Interessensvertretung der südafrikanischen Weinexportorganisation WOSA www.suedafrika-wein.de und in einigen Weinabteilungen von Kaufhof (!) - im deutschen Buchhandel leider nicht erhältlich.
· Leider vergriffen, vielleicht noch im modernen Antiquariat zu finden: Die ebenso knappe wie informative Einführung in „Die Weine aus Südafrika” von Wolfgang Fassbender (Reihe Vinoteca im FALKEN Verlag, 2000)
· Die Kapstädter Weinexpertin und Platter-Mitarbeiterin Wendy Toerien beschreibt in „Die Weine Südafrikas” (Heyne Verlag 2002) die Vielfalt der Kapweine in repräsentativen Weingüter-Porträts; Bilder und Texte sind eine Hommage an Landschaft und Weinkultur Südafrikas.
· Sachkunde und Witz vereint das unkonventionelle Buch von Jean-Pierre Rossouw „Mixed Case - a unique guide to the Cape Winelands” (Struik Publishers 2004, London, Cape Town, Sydney): Es ordnet die 42 besprochenen (Spitzen-)Güter ”Charakteren” wie ”Grandes Dames”, „Individualists” und ”Big Hitters” zu - und erläutert die wichtigsten „Jargon”-Begriffe „to help you if you’re doing a quiz or want to silence a dinner party.”

 

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