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Diese Adresse habe ich schon mehrfach empfohlen. Freunden, Bekannten und Kollegen. Erbeten und ungefragt. Immer war die Reaktion gleich. Höfliches Interesse, ein interessiertes Aha, aber spätestens in jenem Augenblick eine leicht säuerliche Miene, als ich die Lage des Lokals beschrieb. Mit rhetorischer Höflichkeit versprach man mir anschließend, ganz sicher einen Stopp einzulegen, falls man irgendwann an diesem Ort vorbeikommen sollte. Irgendwann, das bedeutete, in ein Deutsch bar aller Floskeln übersetzt: sicher nicht in den nächsten zehn Jahren. In Rosenberg kommt eben keiner „mal vorbei“. Rosenberg ist so etwas wie das Ende der Welt, zumindest der schwäbischen. Wer hin will in den Landgasthof, in dem ich vor fast 20 Jahren das erste Mal und seitdem immer wieder zu Gast war, der muss halt einen Tag, besser noch einen zusätzlichen, für die An- und die Abreise, das Essen und Trinken opfern. Selbst von Stuttgart aus braucht der, der sich nicht von solchen Mühen einschüchtern lässt, locker anderthalb Autostunden, weil er sich durch die Dörfer quälen oder auf der Autobahn einen ziemlichen Umweg in Kauf nehmen muss. Bis er irgendwann angekommen ist im östlichen Teil der Schwäbischen Alb, jenseits von Schwäbisch Hall und noch nicht ganz in Ellwangen. Aber Achtung: Es heißt aufpassen, nicht einfach durchzufahren, denn Rosenberg ist ein beschauliches Straßendorf, von dem selbst die treuesten Bewohner nicht behaupten würden, dass hier viel los sei.

Landgasthaus im Nirgendwo% aber eine Reise wert!

Außer dem Adler natürlich. Bis vor gut 30 Jahren war dies ein uriger Gasthof, wie es so viele gab auf der Alb – in jedem Dorf mindestens zwei oder drei. (Heute verfügen die meisten Ortschaften nicht mal mehr über ein einziges Gasthaus, und in kaum eines der noch existierenden geht noch jemand hinein, wenn man von älteren Nachbarn mal absieht.) In der Stube im ersten Stock saßen die Rosenberger und bestellten sich Saitenwürstle mit Linsen, Riesling und Trollinger waren immer verfügbar. Bis der junge Josef Bauer allmählich etwas und dann ganz viel änderte, ein paar kreative Gerichte auf die Karte setzte und die Weinkarte ergänzte. Aus der einfachen Gastwirtschaft wurde allmählich ein Restaurant, in das auch Auswärtige reisten. Irgendwann verlieh der Guide Michelin einen Stern, der Schlemmeratlas die Höchstnote von fünf Löffeln, der GaultMillau 18 von maximal 20 Punkten. So viel Lob gab es für Speisen, die sich nicht simpler anhören könnten. Waller mit Liebstöckel schreibt Josef Bauer auf seine Karte, Ziegenkäseknödel mit Tannengelee. Oder einfach Kindheitstraum. Dahinter verbergen sich Kreationen, die völlig frei sind von Effekthascherei, sondern den Eigengeschmack betonen. Eine Rindfleischbrühe (als Amuse-gueule) schmeckt hier verblüffend intensiv, das Alblamm wird von einem Lammsugo begleitet, das eine Essenz des Fleisches zu sein scheint, und die Bärlauchspätzle sind so flauschig und leicht, dass man eine ganze Schüssel davon aufessen könnte. (Sollte man allerdings schon deshalb nicht, weil die eleganten, von der Chefin verantworteten Desserts mit die besten sind, die man in Deutschland bekommen kann.)

Adler Vorspeise - Tatar mit Matjes

Die passenden Weine sind natürlich auch verfügbar, allerdings werden hier mit Sicherheit jene Genießer enttäuscht, die von großen Restaurants Spektakuläres erwarten. Tausende von Sorten auf der dicken Karte, zwei Chef- und mehrere Commis Sommeliers mit schwarzen Anzügen und wichtigem Blick sucht man im Adler vergeblich. Doch was wirklich wichtig ist, hinsichtlich des Weines in der Gastronomie, wird hier überdeutlich. Jeder Sommelier sollte sich eigentlich für ein paar Tage zum Adler-Praktikum begeben, um zu lernen, wie die Württemberger von Jürgen Ellwanger oder Gert Aldinger und die reifen Bordeaux aus den 1990ern richtig serviert werden. Vor allem mit der adäquaten Beratung: Marie-Luise Bauer denkt hier nicht im Traum daran, den Gästen etwas aufzuschwatzen, was diese gar nicht wollen, sondern empfiehlt lieber Neuentdeckungen mit besonders gutem Preis-Leistungs-Verhältnis. Klar, dass der offene Champagner von einem kleinen Produzenten stammt. Klar aber auch, dass namhafte Weine von Rudolf Fürst bis Emmerich Knoll (endlich mal ein reiferer Jahrgang!) auf der Karte stehen, ergänzt um allerlei ältere Burgunder, die ich mangels exakter Kenntnis der Jahrgangs- und Erzeugergüte nur nach Absprache ordere.

Welcher Wein paßt zum Schweinsfuß mit Skrei-Brandade?

Doch eigentlich ist es ganz egal, was ich im Adler bestelle: Der Wein passt immer zum Essen, und das liegt meiner Ansicht nach am Restaurant. Ich habe die Küche schwer im Verdacht, dass sie im Rahmen des von mir fast immer bestellten Überraschungsmenüs genau jene Gerichte austüftelt, die zum Inhalt der gerade georderten Flasche passen. Sauvignon blanc von Didier Dagueneau und eine Kombination aus Rindstatar, Matjes und Rote Bete – das war beim letzten Mal einfach unschlagbar. Genauso wie die Entenbrust mit Morcheln, Spargel und Eierhaber zum Pinot noir von Silvia Prieler. Zu einem herausragenden (Wein-)Restaurant gehören natürlich auch gute Gläser und ein Service, der nicht aufmerksamer sein könnte. Jedes Gewächs wird an einem Tisch in der Mitte des Raumes vorgekostet, ein korkiger oder sonst wie auffälliger Tropfen käme erst gar nicht auf den Tisch. Auch dass die Gläser mit dem Wein ausgeschwenkt werden und ich niemals Wein-los da sitzen musste, gehört zu diesem Restaurant selbstverständlich dazu; Hildegard Brenner, die Oberkellnerin, sorgt für dezentes Auffüllen.

Ente% Spargel% Morcheln und dazu gleich zwei Rotweine

Wenn ich etwas bedaure im Adler, dann allenfalls die Tatsache, dass ich mich noch nie getraut habe, eine Flasche Trockenbeerenauslese, einen Port oder einen Sauternes zu bestellen und dazu einfach fünf oder sechs verschiedene jener fabelhaft auf den Punkt gerührten oder gebackenen Desserts. Ein süßes Menü also, von Cassissorbet mit getrockneten Beeren über frisch gebackene Schokoladentarte bis zur Zwetschgensuppe mit Walnussauflauf sowie dem noch warmen Ofenschlupfer mit geeister Vanille. Immer war ich erst auch zu neugierig auf die salzigen Speisen und hinterher zu satt, um noch mehr als eine einzige Süßigkeit zu schaffen. Aber vielleicht machen das ja andere. Neulich war zum ersten Mal jemand auf meine Empfehlung hin in Rosenberg. Einmal auf der Reise in den Italienurlaub und zum zweiten Mal, spontan beschlossen, bei der Rückreise. Das nehme ich auch als ganz persönliches Kompliment.

Landgasthof Adler, Ellwanger Straße 15, 73494 Rosenberg, Tel. 07967/513, www.landgasthofadler.de

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