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Der Freyburger Winzer Lars Reifert betreibt einen der ungewöhnlichsten Weinberge Deutschlands: Auf der gefluteten Halde des ehemaligen Braunkohle-Tagebaus Klobikau nahe Buna und Leuna hat er gegen viele Widerstände zwei Hektar Reben gepflanzt.

Winzer an der Abraumhalde: Lars Reifert
Der klapprige rote BMW röhrt die Allee entlang. Zwei endlose Baumreihen links und rechts der Bundesstraße durchschneiden die braunen Hügel geernteter Felder bis zum Horizont. Lars Reifert gibt Gas, eine Hand an der Schaltung, deren Knauf längst abgebrochen ist. „Manchmal denke ich, das ist wie in Dubai”, ruft der 29-jährige Winzer durchs Motorengeräusch. Der Weg führt von Freyburg, der Weinstadt an der Saale, quer durchs saschen-anhaltinische Niemandsland zum Geiseltalsee. Dubai? „Mein Weinberg liegt an einem künstlichen Hang an einem künstlichen See. Das ist doch irgendwie verrückt, oder?”

Tatsächlich bewirtschaftet der Nebenerwerbswinzer einen der ungewöhnlichsten Weinberge Deutschlands: Er liegt auf der Abraumhalde eines gewaltigen, ehemaligen DDR-Braunkohletagebaus, in Sichtweite der Fabrikschornsteine von Buna und Leuna. Mit dem Ende der DDR war auch Schluss mit dem jahrhundertelangen Kohleabbau in einem der größten Reviere Deutschlands.1993 begann die Sanierung, die Grube wurde geflutet. Heute ist das gesamte Areal ein Naturschutz- und Freizeitgebiet. Und auf der einstigen Halde wachsen Müller-Thurgau, Spätburgunder und Cabernet Mitos.

Auf den Flaschen, die in der  Freyburger Probierstube der Reiferts stehen, prangen gekreuzte Schlegel und Eisen: „Der goldene Steiger” heißt der Müller-Thurgau mit 11 Prozent Akohol aus dem Abraum. „Es gibt hier oben eine Menge pensionierter Bergleute mit guter Rente, die kaufen den gern”, lacht der blonde Winzer. Den Markennamen hat er sich selbst ausgedacht, das Etikett eigens entworfen.

Vor zehn Jahren kam sein Vater Rolf, bereits zu DDR-Zeiten Weinbauer, auf eine damals seltsam klingende Idee. Dort oben an der Halde, über 15 Kilometer von den Weinhängen Freyburgs entfernt, könnte doch Wein wachsen. „Es gab keinen Masterplan oder so, wir haben uns einfach umgesehen”, erinnert sich der Wein-Autodidakt Reifert, „da standen noch die alten Bagger herum.” Eine Südhanglage, abgetragen auf rund 25 Prozent Neigung, schien geeignet: Hervorragende Sonnenlage, mineralhaltiger Mischboden. „Wir haben dann per Handy den Sonnenstand von dort mit Lagen in Freyburg und Kleina verglichen. Wir fanden heraus, dass wir dort eine Sonnenstunde pro Tag mehr als zuhause haben.”

Der rote BMW bremst nah des Ortes Mücheln an einer Großbaustelle. Bagger terrassieren das Gelände am Ufer eines Sees, den es vor ein paar Jahren noch nicht gab. Aus der Halde Klobikau wurde der Geiseltalsee. Lars Reifert deutet ans weit entfernte, gegenüberliegende Ufer: „Da drüben ist der Weinberg”, ruft er. Wenn der See 2010 seinen endgültigen Wasserstand erreicht hat, soll die Sonnenreflexion der Wasseroberfläche seinem Wein noch mehr Oechsle bringen.

Die Idee von 1997 reifte schließlich zum Plan. Die Reiferts wollten den Hang zu kaufen und Wein anbauen. Studenten kartographierten das Gelände, bauten später ein Modell des Weinbergs und berechneten den Sonneneinfall über Tag und Jahr. Der Plan sah gut aus. Doch die Sache war kompliziert. Lars Reifert stellte Anträge, erhielt Ablehnungen, schrieb neue Anträge, bekam neue Ablehnungen. „Man musste da immer am Ball bleiben”, erinnert sich Reifert. Seine Methode dagegen: „Jeder Beamte hat einen Vorgesetzten. Und der hat auch einen Chef”, lacht er, „denen muss man auf die richtige Weise sein Anliegen vortragen”. Fachkundige Freunde halfen, Briefe und Anträge korrekt zu formulieren, juristische Schreiben aufzusetzen. „Das ging bis nach Berlin”, erzählt er. Denn das gesamte Sanierungsgebiet war zum Naturschutzgebiet erklärt worden. Das verbietet die Nutzung zum Weinbau. Land kaufen ging auch nicht - denn die Tagebau-Sanierungsgesellschaft LMBV musste die Grundstücke ausschreiben. „Wir haben alle gehofft, dass da keiner mit  dicker Geldbörse kommt und uns überbietet.” Niemand kam. Bald gehörten den Reiferts rund 50 Hektar Ufer an einem See, den es noch nicht gab. Für einen Weinberg, der nur in den Köpfen existierte. 2006 bekam er übrigens für sein Projekt den Weinbau-Förderpreis von BASF und Meininger-Verlag verliehen.

Weiter geht’s mit dem BMW vorbei an einer abbruchreifen Fabrik und Industrie-Flachbauten auf einen Weg, den man normalerweise mit dem Geländewagen nimmt. Der rote BMW nimmt die Kuppen, Mulden und Löcher entlang des Ufers lässig, mit aufsitzenden Stoßdämpfern. „Der kennt den Weg von alleine, ich fahre ja fast jeden Tag hierher”, erzählt er. Lars Reifert hat einen festen Job bei einem Unternehmen der Wasserwirtschaft, ist oft zehn Stunden am Tag „auf Arbeit”. Die zwei Hektar am Geiseltalsee bewirtschaftet er dennoch alleine mit seinem Vater und einigen Saisonkräften.

Zudem kauft er Trauben anderer Freyburger Winzer - Weiß- und Grauburgunder, Kernling, Traminer, Dornfelder, Regent - die er ausbaut und unter seinem Markennamen verkauft. Sein Arbeitstag ist lang: Erst der Job, dann der Weinberg, schließlich die Internet-Bestellungen abarbeiten und Pakete packen. Aber er will irgendwann vom Weinbau leben. „Man muss halt immer dran bleiben, sonst wird das nix”, betont er.

Die erste Rebsorte% die angepflanzt wurde: Müller-Thurgau
Wir halten oben an der Kuppe der Halde, die nun ein Weinberg ist. 4.000 Stöcke Müller-Thurgau stehen hier seit dem Jahr 2000. Erst nach langem Hin und Her bekam er den Weinbau unter den Bedingungen des Vertrags-Naturschutzes erlaubt: Kein Einsatz von Herbiziden, Fungizid-Einsatz nur auf biologischer Basis. „Ich vermute, wir haben die Genehmigung nur bekommen, weil die Beamten dachten, wir würden in einem Jahr eh’ wieder aufgeben.” Auch die nun noch nötigen Rebkontingente mussten her. Schließlich sind die Rebflächen innerhalb der EU streng reglementiert. Aber auch das gelang irgendwie.

„Es war Juni, der heißeste Tag des Jahres 2000, und wir wollten den Boden lockern”, erinnert sich der Winzer an das Setzen der Reben: „Jeder hat mit lockerem Boden gerechnet - aber nach 30 Zentimetern Tiefe war Schluss. Aus dem Pflug sind die Sicherungsbolzen rausgeflogen!”, berichtet er. Nachdenken, Ausprobieren, bis die Reben im Boden waren. Nun mussten sie noch das Bewässerungsproblem lösen. Lars Reifert konstruierte mit seinem Vater ein eigenes System mit Rohrleitungen. Doch Wasser hat in der Hanglage viel Kraft. Regen und Erosion ließen den Hang gefährlich rutschen, der riss viele Reben mit sich. „Wir mussten vieles noch einmal und anders als im Lehrbuch machen, unsere eigenen Lösungen finden.”

Dass mal der Traktor umfiel und der Spätburgunder im ersten Jahr wegen unerwartet großer Hitze verbrannt ist, erwähnt er beiläufig. „Man muss eben einen Schritt nach dem anderen machen”, formuliert er. Für weitreichende Pläne gab’s damals keine Zeit. „Wir haben uns um Weinberg und die Reben gekümmert. „Damit waren wir gut genug beschäftigt”, sagt er und greift sich eine der prallen Müller-Thurgau-Dolden: „Sieht gut aus, dieses Jahr!”

So sah es früher einmal aus...

2004 kamen 2000 Stöcke Spätburgunder hinzu, ein Jahr später weitere 2000 Stöcke Cabernet Mitos. Wieso ausgerechnet diese Neuzüchtung? „Da gab es keine große Analyse. Wir konnten die von unserem Rebveredler nach einer Messe kostenlos kriegen. Die haben wir einzeln in Töpfen aus der Messehalle geschleppt und zuhause bewässert. Mal sehen, was rauskommt”. Nun überlegt Reifert, weitere Reben zu pflanzen: Bacchus oder Riesling, die würden gerne getrunken. Doch noch gibt es kein Rebkontingent: „Mal abwarten”. Zur Ernte lädt er seine Kunden an seinen Braunkohle-Hang ein. Nicht zum Probieren, sondern zum Ernten. Sie kommen anstelle von Erntehelfern, bekommen ein Picknick und eine Flasche Wein. „Zwar rechnet sich das nicht, aber meine Kunden haben so ein tolles Erlebnis, und das bindet ja auch”, wägt er ab.

Die Trauben verarbeitet er nicht im eigenen Gut, sondern im Keller des Naumburger Winzerkollegen Stephan Seeliger. „Die ganze teure Technik selbst finanzieren rechnet sich doch nicht bei unseren kleinen Mengen”, sagt Lars Reifert. Wer ihm zuhört, merkt schnell - er gehört einer neuen Winzergeneration an, die andere Prioritäten als die Traditionalisten setzt. Er denkt in Netzwerken, Kontakten, Verbindungen zu Menschen, „mit denen man was machen kann”. Teure Maschinen zur Bewirtschaftung nutzen er und einige Kollegen gemeinsam. „Damit nimmt sich doch keiner was weg, am Ende haben alle was von”, erklärt er seine Sicht der Dinge.

Doch in Saale-Unstrut ist er eher ein Außenseiter: „Es gibt nicht so viele, die so denken.” Die meisten jungen Winzer gehen weg - in den Westen, wo im Weinbau Fachkräfte gesucht sind. Reifert ist hier geboren, will bleiben und Erfolg haben. Eine Gruppe Fahrradtouristen, die den angelegten Radwanderweg um den See entlang radeln, lädt er wortreich und locker zum Federweißenfest ein. „Man muss die Leute halt vollquatschen, sonst wird das alles nix.”

...und so heute!

Längst habe er sein Netzwerk erweitert, erzählt er im brummenden roten BMW auf dem Rückweg nach Freyburg. Neben dem Weinberg sollen Galloway-Rinder den Pflanzenwuchs klein halten. Für den direkt an den Reben entlang führenden Pilgerweg nach Santiago de Compostela entwerfen Dessauer Architekturstudenten derzeit eine avantgardistische Pilgerhütte. Mit Wein-Ausschank an durstige Wanderer? „Klar, aber wir müssen erstmal die Hütte finanziert bekommen. Dann sehen wir weiter.” In diesem Jahr wird sich sein Weinberg zum ersten Mal rechnen, hofft er. Er gibt Gas, die Bäume an der Landstrasse werfen lange Schatten auf die Äcker. Lars Reifert erzählt, sein Müller-Thurgau müsse noch besser werden: „Der braucht noch etwas mehr Mineralität, mehr Schmackes”. Man muss halt immer dran bleiben. Sonst wird das nix.

Link:
www.weinbau-am-geiseltalsee.de

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