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Marktwert hat mit Qualität wenig zu tun, umso mehr mit Kommunikation. Musste die Rùfina weitgehend ohne fremde Inspirationen und Mittel auskommen, zog es die Versicherungsgesellschaften, die auswärtigen Möchtegernwinzer mit viel Geld und wenig Ahnung vom Weinmachen, die Modeheinis aus Florenz und die betuchten Frührentner aus aller Welt ins Chianti Classico und später in die Maremma. Wie die Hefe den Wein, brachten sie diese Weingebiete zum Brodeln. Neben viel Schaum schuf diese Bewegung auch Bleibendes. Es war aber vor allem der Schaum, der von den Medien als sogenanntes Weinwunder verherrlicht wurde…

Eben: Kommunikation fand statt, und plötzlich war es schick, viel Geld für Weine zu bezahlen, mit denen man sich ein Jahrzehnt zuvor für einen Bruchteil davon Sodbrennen und Kopfschmerzen eingebrockt hatte. Die Weine hießen nun nicht mehr Chianti, sondern Vino da Tavola und hatten durch die „Weinrevolution" eine wundersame Läuterung und Wertvermehrung erfahren.  Aber die große Rede war stets nur von Gebieten, die als hip galten. Erst das Classico, dann Montalcino, kurzzeitig Montepulciano, und natürlich Bolgheri. Was aber nicht in Vinum, Geo-Saison oder Feinschmecker großformatig als „echt toskanisch" aufgetischt wurde, war dazu verdammt, … tatsächlich echt toskanisch, was heißt: weinwirtschaftlich benachteiligt, in der Vergessenheit zu verharren.

Ein solch ursprüngliches Stück Toskana findet man wenige Autominuten östlich von Florenz, in der Rùfina. Die Ursprünglichkeit dieses überschaubaren Gebietes äußert sich nicht nur in den weniger auffällig herausgeputzte Weinhöfen, in einfacherer Kellertechnologie, in einer geringeren Dichte von Swimmingpools pro Quadratkilometer, in zahlreicheren erneuerungsbedürftigen Weinbergen, in weniger Touristen und geringeren Angeboten für diese. Eine gewisse Ursprünglichkeit spürte ich auch bei den Menschen: Ich habe in Rùfina, Pelago, Pontassieve und Dicomano Leute kennengelernt, in deren Gesellschaft ich mich ausgesprochen wohl fühlte: echte, normale Toskaner, die in einer normalen Welt leben, ganz normal um ihre Existenz kämpfen und nicht die Nase rümpfen, wenn Weintouristen sie mit dem Kauf von ein paar Flaschen Wein „belästigen".




Manchmal etwas zu rustikal

Meine Sympathie zur Rùfina mag auch daher rühren, dass ich allgemein Menschen mit abgewetzten Hemdkragen, in Häusern mit wettergezeichneter Fassade in einer Umgebung, die alltägliche Geschichten erzählen, spannender finde als andere. Perfektion und Ästhetik mögen auf den ersten Blick zwar beeindrucken, aber sie langweilen rasch. Aber nicht nur die Ursprünglichkeit von Land und Leuten zieht mich an, auch die Weine sind anders als die der restlichen Toskana.

Die Rustikalität des Klimas passt zur Landschaft und zu den Weinen. Zwar haben emsige Önologen auch hier bereits zugeschlagen und in ihrer Jugend etwas ungehobelte Naturburschen zu uniformierten Weichlingen runtergehobelt, aber der Chianti Rùfina besitzt von Natur aus mehr Charakter als andere Chianti. Nur die Weine aus den hohen Lagen des Classico können es mit ihm aufnehmen. Leider drückt sich die Ursprünglichkeit der Rùfina in manchen Kellern noch als Rückständigkeit aus, so dass das besondere Potential der Rùfina-Chianti manchmal durch fehlende Reintönigkeit noch verschüttet wird.




Einmaliges Klima

Die Täler der Rùfina sind eingerahmt von Bergen und ihre Nähe prägt das Klima: Die in der Toskana übliche Sommerhitze weicht abends kühleren Temperaturen. Federico Giuntini (Selvapiana): „Die Rùfina hat wenig mit dem Rest des Chianti zu tun. Sie ist eine Vorgebirgszone, näher bei Forlì in der Romagna als bei Siena. Das Mesoklima unserer Weinberge ist von viel Wind, dem rauhen Klima des nahen Apennins, hohen Unterschieden zwischen Tag- und Nachttemperaturen und dem Waldreichtum bestimmt." Sogar im Juli sinken die Temperaturen in der Nacht auf 14, 12 Grad Celsius, während es in weiten Teilen der Toskana zehn Grad wärmer ist. Obschon die Weinberge im Mittel auf einer Höhe zwischen 250 und 350 Meter, also nicht besonders hoch, liegen, sorgt das besondere Klima für deutlich längere Vegetationszeiten. Noch bei meinem Rùfina-Besuch Mitte Oktober waren nicht alle Winzer mit ihrer Weinlese fertig, während in der Maremma mit der Sangiovese-Ernte bereits Anfang September und in Montalcino Mitte September begonnen worden war!

Längere Vegetationszeiten = bessere Qualität. Eine Gleichung, die überall gilt und die sich in der Rùfina mit einer höheren Säure, frischeren Aromen, heftigen Tanninen und einer größeren Lagerfähigkeit äußern kann. Negativ kann sich das rauhe Klima in kalt-nassen Herbsten auswirken. Vor allem, wenn die Reife der Trauben - so wie das bis Mitte der 80er- Jahre der Fall war - durch hohe Erträge behindert wird, können in einem schlechten Herbst tanninherbe, säurereiche Dünnlinge entstehen. Lamberto Frescobaldi: „Die Weine der Rùfina besitzen einen stärkeren Charakter, sind eleganter, lagerfähig und nie breit. Man versucht, ihnen etwas mehr Breite zu geben, auch auf ganz natürliche Weise: Man arbeitet im Weinberg sorgfältiger, hält die Erntemenge unter Kontrolle. Saure, bissige, bittere Weine will heute keiner mehr." Stefano Casadei (Castello del Trebbio): „Die lehmigen, kalten Böden, die hohen Lagen, das für die Toskana extreme Klima sind wie gemacht für den Sangiovese. Nirgends wird der Sangiovese so stark wie hier vom Terroir geprägt."

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