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Montalcino und Chianti Classico hatten das Glück, in den vergangenen 20 Jahren im Zentrum der Aufmerksamkeit der Weinmedien gestanden zu sein. Je mehr sich die kaufkräftige Öffentlichkeit mit ihren Weinen beschäftigte, umso mehr konnten die Preise steigen. Es zog Wohlstand ins Land, der sich nicht nur dort äußerte, wo reiche Neuwinzer heruntergekommene Bauernhöfe zu Villen und staubige Vorplätze zu Zierrasen veredelten, sondern auch bei den einfachen Winzern, bei denen für Investitionen keine anderen Einkommen als die aus der Landwirtschaft zur Verfügung stehen. Gewisse Weingebiete der Toskana sind in den letzten Jahren sichtlich aufgeblüht, andere, weniger beachtete wie die Rùfina sind in der gleichen Zeit nur langsam vorwärtsgekommen.

Nur zwei Namen vermochten sich außerhalb der Toskana zu behaupten: Nipozzano und Selvapiana. Verhallte der Ruf des Chianti Rùfina von Selvapiana auf Grund der geringen Flaschenzahl in einer kleinen Liebhabergemeinde, ist die Marke Nipozzano vor allem an den Erzeuger Frescobaldi gebunden. Fernab von Florenz wird Nipozzano kaum mit dem Ursprung Rùfina in Verbindung gebracht. Jedermann kennt Frescobaldi, viele kennen Nipozzano, aber nur wenige wissen, dass Nipozzano ein Weingut in der Rùfina ist.

Frederico Giuntini pachtete Selvapiana 2002

Lamberto Frescobaldi: „Tatsächlich schrieb eine ausländische Zeitschrift kürzlich lobende Worte über Nipozzano, aber leider versetzte der Autor das Weingut in das Chianti-Classico-Gebiet." Alfredo Massetti (Grignano): „Die Rùfina hat geschlafen, als die Toskana boomte. Bis in die 80er- Jahre hinein konnte hier die Halbpacht überleben, auswärtige Investitionen gab es, von wenigen Ausnahmen wie Grignano und einer, zwei anderen abgesehen, keine." Wer vor 35 Jahren hier ein Landgut kaufte, brauchte schon etwas Phantasie, um die Bonität einer solchen Investition zu ahnen. Für die Familie Inghirami ging die Rechnung auf: Der Wert von Grignano hat sich rund verhundertfacht.

Allerdings ist es für einen Landwirt ein magerer Trost, dass sein Hof an Wert gewinnt, während seine Produkte keine angemessenen Preise erzielen. Nico Sartori stammt aus dem Veneto und kaufte zusammen mit Familienmitgliedern vor 15 Jahren das Oliven- und Weingut Altomena. Die Kosten der Wein- und Ölproduktion sowie die ständig erforderlichen Investitionen übersteigen bei Altomena noch immer die Einnahmen. Nico ist Betriebsleiter und muss vor seiner Familie für die Betriebsrechnung geradestehen. Resigniert stellt er fest: „Die einzige seriöse Rechtfertigung für eine Investition in ein solches Landgut ist leider die Hoffnung, dass zumindest der Marktwert der Immobilie steigt."

Die Weinpreise sind vor allem bei geringen Flaschenzahlen zu tief, um den Betrieben mehr als die nackten Betriebskosten einzuspielen. Der Exportpreis eines Chianti beträgt im Mittel rund die Hälfte eines Chianti Classico und für Chianti Rùfina sieht es nicht viel besser aus: Es mag erstaunen, aber der Chianti Rùfina überragt den Chianti punkto Image und Verkaufspreise nur unwesentlich.

Sabrina Tanini (Dreolino): „Die Leute interessieren sich für den Chianti Rùfina, zum Beispiel auf der Vinitaly, aber wenn sie hören, dass er teurer ist als der einfache Chianti, dann schrumpft die Bestellmenge gleich erheblich."

Sabrina Tanini betreibt die keine Handelskellerei Dreolino gemeinsam mit ihrem Vater und Bruder

Federico Giuntini (Selvapiana): „Die Rùfina ist der arme Bruder des Chianti Classico. Wir haben die gleichen Produktionskosten, aber bei den Flaschenpreisen liegen wir mindestens ein Viertel unter dem Chianti Classico. Nur Montesodi von Frescobaldi oder unser Bucerchiale kommen auf höhere Preise."

Graziano Scopetani (Scopetani): „Der Traubenpreis für Rùfina liegt rund zehn Prozent höher als für normalen Chianti, und zehn Prozent teurer ist die Flasche Chianti Rùfina, aber der Kunde bezahlt diese kleine Preisdifferenz ungern." Lag der Fassweinpreis von Chianti Classico im Oktober 2007 bei EUR 3,15 pro Liter, waren die anderen Chianti bereits für EUR 1,35 pro Liter zu haben. (Quelle: ISMEA.)

Cesare Coda Annunziante (Colognole): „Der Tourismus ist ein wichtiges Kommunikationsvehikel: Die Reise- und Weinpresse schreibt jedoch nur vom Classico, von der toskanischen Küste und Siena. Die Rùfina wird totgeschwiegen."

Man blickt nicht ganz ohne Neid Richtung Siena und sucht nach Mitteln, wie man dem Chianti Rùfina mehr Aufmerksamkeit und bessere Preise verschaffen könnte. Federico Giuntini (Selvapiana): „Wir sind doch nur ein paar wenige abfüllende Produzenten und sollten für den Chianti Rùfina einen Mindestpreis durchsetzen können. Das Konsortium will erreichen, dass für im Fass an Abfüller verkauften Chianti Rùfina ein Mindestpreis festgesetzt wird."

Graziano Scopetani vermarktet über 80 Prozent seiner Jahresproduktion von 1%5 Millionen Flaschen im Ausland

Graziano Scopetani (Scopetani) sieht das etwas anders: „Vor 100 Jahren wurde der Wein der Rùfina und nicht Chianti Classico nach Amerika verschifft. Wenn heute das Chianti Classico mehr Erfolg hat als wir, dann ist das unsere Schuld. Aber ich sehe auch das Positive: Das Classico ist eine wunderschöne Gegend, nur ist sie nicht mehr toskanisch. Die Besitzer auch nicht. Die Rùfina gehört hingegen noch den alten Familien."

Sicher, der Rückstand der Rùfina hat auch Vorteile. Die sogenannte Qualitätsrevolution im „Chiantishire" hat einiges über den Haufen geworfen. Nicht nur die Besitzer sind nicht mehr toskanisch, schlimmer ist, dass es die Weine nicht mehr sind. Es könnte für die Winzer der Rùfina eine Chance sein, aus den Fehlern ihrer Classico-Kollegen zu lernen und die Rùfina-Weine nicht aus Eitelkeit und kommerziellen Gründen unkenntlich zu machen. Ob sie es tun, ist allerdings mehr als fraglich…

Enrico Lippi (Frascole): „Die Rùfina ist geprägt von der Präsenz der Frescobaldi. Das ist sicher ein Vorteil, aber auch ein Nachteil. Ich stelle fest, dass eigentlich keiner von uns in den Namen Rùfina investiert, wir rücken vielmehr alle unsere eigenen Namen in den Vordergrund. Es herrscht ungezügelte Individualität, eine Suche nach der Typizität fehlt. Dabei hätten wir mit unserem besonderen Mesoklima wirklich eine verbindende Gemeinsamkeit."

Elisa & Enrico Lippi produzieren jährlich etwa 50.000 Flaschen


Weshalb Chianti und nicht einfach nur „Rùfina"?

Der Wein der Rùfina nennt sich Chianti. Das tut er offiziell seit den 30er- Jahren, als die halbe Toskana ihre Rotweine nach dem kleinen Waldgebiet im Norden Sienas benannte. Aber außer den Traubensorten - zur Hauptsache Sangiovese - war den Weinen nie vieles gemeinsam. Das Pech der Rùfina war, dass hier vor 150 Jahren kein Mann des Formats eines Biondi Santi lebte, der eigensinnig und weitsichtig genug war, um dem besonderen Wein einen besonderen Namen zu geben. Der Name Chianti macht den Rùfina beim breiten Publikum als toskanischen Wein kenntlich. Allerdings bremst die Zusatzbezeichnung „Chianti" die Entwicklung zu einem eigenständigen Image des „Rùfina".

Es ist der Konflikt zwischen kommerzieller Notwendigkeit und langfristigem Marketing. Der Verzicht auf das „Chianti" käme einem Sprung ins kalte Wasser gleich, auf den vor allem die Abfüller keinerlei Lust haben. Erfolgreiche Produzenten wie beispielsweise Frascole oder Selvapiana hingegen wären sofort zu diesem Schritt bereit. Die Befürworter der bisherigen Situation geben zu bedenken, dass Umstellung und Promotion kostspielig wären. Es machen auch die Weinmengen Angst, die zwar in Chianti-Rùfina-Weinbergen erzeugt, aber nicht als solche abgefüllt, sondern zu Chianti deklassiert werden. Was geschieht mit diesen überschüssigen Weinen, wenn die Rùfina sich vom Chianti trennte? Sollen ein Preiszerfall und ein Absinken der Qualität des (Chianti) Rùfina verhindert werden, muss nichtverkäuflicher oder qualitativ weniger interessanter Wein deklassiert werden können.

Vin-Santo-Trauben auf Travignoli

Steht dafür als nächstuntere Stufe der einfache Chianti zur Verfügung, müsste mit dem Austritt des Rùfina aus der Großfamilie Chianti unbenötigter Wein als Toscano IGT auf den Markt gebracht werden. Damit wäre ein schmerzlicher Wertverlust verbunden. (Oktober 2007: Chianti: EUR 1,35/Liter, Toscano IGT Sangiovese: EUR 0,60/Liter.). Der Präsident des Konsortiums, Conte Giovanni Busi (Travignoli), ist nicht grundsätzlich gegen die Flucht nach vorne, glaubt aber, die Situation sei noch nicht reif für den „Rùfina DOCG": „Wir sind eine kleine Appellation und verfügen über sehr beschränkte Mittel, um uns bekannt zu machen. Rùfina kennt keiner, das Wörtchen Chianti hingegen gibt dem Verbraucher einen Hinweis auf die Herkunft." Solange die Preise des Chianti Rùfina tief sind und nicht die ganze mögliche Menge unter diesem Namen abgesetzt werden kann, wird die Zahl der Gegner des „Rùfina DOCG" größer sein als die der Befürworter.

Der Präsident des Konsortiums sieht als vordringlichste Aufgabe, die Appellation bekannt zu machen. Wie das gehen solle, wollte ich von ihm wissen. Busi: „Unsere Kommunikation muss darin bestehen, dass wir die Weinfreunde zu uns, mitten in unsere Weinberge holen, nur dann vermögen sie die Besonderheiten unserer Appellation zu verstehen. Außerhalb unseres Gebietes sind wir nur eine Nummer wie alle anderen."

Giovanni Busi ist der Präsident des Rùfina-Konsortiums

Und was er denn möchte, das über sein Gebiet geschrieben wird? „Es freut mich, wenn ich lese, dass wir investiert haben, dass wir Unternehmer sind, dass wir an unser Territorium und unseren Wein glauben. Es ärgert mich hingegen, wenn die Weinpresse Weine aus unseren Reihen prämiert, die für die Rùfina untypisch sind." Da wird sich der adlige Presidente noch häufig ärgern müssen, denn ein typischer Chianti Rùfina entspricht mit seinen Ecken und Kanten nicht gerade dem Idealwein einflussreicher Meinungsmacher.

Valentina Libri (Cerreto Libri) meint, das Image der Rùfina müsse zuerst von altem Ballast befreit, leichter gemacht werden, die Rùfina leide immer noch an der Trägheit der Vergangenheit. Konkreter ist Enrico Lippi (Frascole): „Welchen Sinn hat es, unsere bescheidenen Mittel in die Kommunikation zu stecken, wenn unser Auftritt im Markt widersprüchlich ist? Wir müssen einen soliden Auftritt von Preis, Qualität und Typizität anstreben. Was nützt es, wenn über unser Gebiet und unsere Weine Nettes geschrieben wird, wenn der Chianti Rùfina der Firma X für Euro 3,70 im Supermarkt angeboten wird?

Valentina Baldini-Libri führt ihr Gut zusammen mit ihrem Mann auf biodynamische Weise

Es ist sicher schön für Colognole, Selvapiana, Frascole und so, wenn einige Weinliebhaber uns kennen und unsere Weine schätzen, aber es ist unbefriedigend, wenn wir als losgelöste Betriebe und nicht als Elemente einer Appellation verstanden werden. Ich möchte stolz darauf sein, der Appellation Rùfina anzugehören!"

Hier geht es zum ersten Teil

Hier geht es zum dritten Teil

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