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Er macht es schon seit vier Jahren: Für eine kleine Gruppe von Weinverrückten eine Tour ins Bordeaux zu organisieren. In der Vergangenheit für die Coburger Volkshochschule, in diesem Jahr für eine Gruppe aus dem Weinforum von Wein-Plus.

Max Hendlmeier
„Er” ist Max Hendlmeier, Jahrgang 1953 und Regionalsprecher der Deutschen Sommelier-Union für Ober- und Mittelfranken. Seit vielen Jahren ist er Weinliebhaber und Leiter von vielen Weinseminaren. Wer sich mit ihm verabredet und um 5 Minuten verspätet, lernt eine seiner ausgeprägten Seiten kennen: Einen Hang zum Perfektionismus und seinen Pünktlichkeitssinn; das allerdings in einer unaufdringlichen und angenehmen Art, die man sehr zu schätzen lernt, wenn man in einer Gruppe reist. Das ist sicher eines der Dinge, die ihn mit den Schlossherren im Bordeaux verbindet. Man sagt, auch hier ist Pünktlichkeit oberstes Gebot. Wer einen der begehrten Termine ergattert hat und sich nur um wenige Minuten verspätet, verspielt sein „Besuchsrecht” und bleibt vor der Tür. Sagt man jedenfalls. Dank Max Hendlmeier's unaufdringlich perfekter Vorbereitung und Organisation haben wir diese Erfahrung nicht machen müssen.

Insgesamt profitiert die Reise von Max Hendlmeier's perfekter Organisation. Schon im Vorfeld: Nichts wird dem Zufall überlassen. Sogar die Sitzplätze im Bus, der bei einer Auslastung mit nur 25 von 44 Plätzen jedem angenehm Platz bot, waren auf einem Plan genau eingezeichnet und verteilt. Die lange Anreise nach Blois - unserem ersten Etappenziel - wurde immer wieder belebt durch Infomaterial über unsere Ziele. Zuerst eine Reisemappe mit Infos und Texten zum ersten Tag. Sozusagen eine Loseblattsammlung, die jeden Tag um weitere Seiten über den jeweils nächsten Tag ergänzt wurde. Nach und nach wurden dann eine Touristeninfo über Blois, ein Führer zu den Grand Crus des Bordeaux, ein Stadtplan von Bordeaux, ein Feinschmeckerheft mit einem Inlay über die Stadt Bordeaux und viele weitere Broschüren und Infos verteilt.

Trotz der langen Busreise gab es keine Langeweile. Die Fahrt wurde belebt durch ein Video über das Bordeaux. Und - eine immer wieder gemachte Erfahrung hat sich bestätigt - mit anderen Weinbegeisterten kommt man schnell ins Gespräch, so dass die Busfahrt eigentlich wie im Fluge vergeht.

Blois


Die mittelalterliche Stadt Blois liegt mitten im 500 ha umfassenden Anbaugebiet Touraine, ein Anbaugebiete an der mittleren Loire. Hier dominieren Rotweine (Hauptrebsorte: Gamay). Als Weißwein wird hauptsächlich Sauvignon Blanc und der Chenin Blanc angebaut.

Unser Hotel De France & Guise liegt mitten in der Altstadt. In historisch verstaubten Räumen wird ausreichender Schlafkomfort geboten. Das Frühstück (Baguette, Marmelade, Butter) wurde belebt durch die hektischen und dadurch um so amüsanteren Bemühungen des Personals, ein zu viel verbrauchtes Gedeck mit Hilfe von diversen Zählversuchen und Strichlisten zu erklären.

Die Fahrt von Blois nach Vouvray erfolgte über die Straße am rechten Ufer der Loire statt über die Autobahn. Den Zeitverlust kann man nur empfehlen, so hat man viel mehr von der Landschaft.

In Vouvray besuchten wir die Domaine du Clos des Aumônes von Philipe Gaultier und hatten Gelegenheit, die für diese Gegend typischen Chenin-Blanc-Weine zu probieren. Der Betrieb macht nicht den Eindruck eines dieser „Vorzeigebetriebe”, in denen man sich fragt, ob dort auch gearbeitet wird. Alles ist irgendwie ein bisschen chaotisch. Gaultier führt uns durch insgesamt fünf aktuelle Weißweine seines Sortiments. Die Weine hatten ein anständiges Preis-/Leistungsverhältnis i.d.R. unter 5 Euro. Mit großem Abstand am besten ein Schaumwein, der 99er Methode traditionelle Demi-Sec mit einer kristallklaren Nase, Anklänge an grünem Apfel und Butter. Am Gaumen eine schöne schmelzige Art mit präsenter Säure und ausgeprägter Mineralik sowie deutlichem Restzucker.

Bistro du Sommelier

Der Name verkündet ein Bistro, das uns Weinliebhabern besonders viel Freude machen könnte. In der Tat: Die Karte ist eine Weinkarte mit eingestreuten Speisen. Diese sind unkompliziert kalkuliert. Der Preis richtet sich einfach nur nach der Zahl der Gänge. Drei Gänge schlagen mit lediglich rund 20 Euro zu Buche. Was man dafür serviert bekommt, ist fantastisch. Hochwertige Küchenqualität attraktiv arrangiert. Ein Vergnügen!
Die Weinkarte mit ca. 250 verschiedenen Positionen, hauptsächlich Bordelaiser Gewächse. Die Flasche von 10 Euro für anständige Trinkweine bis hin zu 647 Euro für einen 94er Petrus.

Offene Weine waren auf der Karte nicht erwähnt. Was bei unserer Gruppengröße von 14 Personen aber kein Problem war.

Wenn das Wetter es erlaubt, sollte man hinten im Garten reservieren. Ein wunderschönes Plätzchen mit vielen Pflanzen und gemütlichen Bistrotischen auf mehreren Ebenen.

Bistro du Sommelier, Rue G. Bonnac 163, Tel : 0556967178, Samstag Mittag und Sonntag geschlossen.


Bordeaux


Bordeaux - ein Name für eine Region, eine Stadt und natürlich für das wohl bekannteste Anbaugebiet der Welt. Wir wohnen im Novotel in Bordeaux-Lac, einem dem Médoc zugewandten Stadtteil von Bordeaux.

Die Stadt Bordeaux

Die Stadtführung am Sonntag fiel auf den ersten Sonntag im Monat. Das ist in Bordeaux der autofreie Sonntag. Also haben wir mit unserer holländischen Führerin eine „Rundspazierung” durch das Zentrum gemacht. Seit 6 Jahren regiert in Bordeaux ein neuer Bürgermeister. Nachdem der letzte Bürgermeister nach Auskunft unserer Führerin 46 Jahre lang die Stadt hat einschlafen lassen, ist seitdem eine deutlich spürbare Dynamik ausgebrochen. Die Stadt wird mit einem komplett neuen Straßenbahnnetz (14 km) versehen, die alten Sandsteinfassaden werden renoviert und gereinigt; überall in der Stadt trifft man auf Baustellen. Es macht richtig neugierig, in 5 oder 10 Jahren noch einmal zurückzukehren, um sich das Ergebnis dieses Renovierungsprozesses anzusehen. Sicher ist es auch kein Zufall, dass der Beginn dieser gigantischen Investitionen zu einem Zeitpunkt stattgefunden hat, als die Preise der Bordelaiser Weine begannen, in astronomische Höhen zu klettern. Von diesem Reichtum hat die Stadt natürlich profitiert..




Paulliac


Die Fahrt von Bordeaux-Lac nach Paulliac führt zuerst durch eine eher unspektakuläre Landschaft. Nur langsam erscheinen „Weinberge”. Von Bergen kann eigentlich nicht die Rede sein, da sich die Reben im Médoc in der Regel nur an sehr flachen Hängen westwärts zur Gironde neigen. Unser erstes Ziel ist Pichon-Longueville Baron. Dieses Gut, das seinerzeit aus der Teilung eines gemeinsamen Gutes mit Pichon-Longuevile Baronesse hervorgegangen ist, wurde Anfang der neunziger Jahre von Grund auf neu gebaut.
Vor dem majestätischen Schloss, das mittlerweile unbewohnt ist, sind die Kelleranlagen untergebracht. Diese erscheinen von außen relativ unscheinbar, da ein großer Teil der Anlagen unterirdisch ist. Der Neubau basiert auf Entwürfen der Architekten Patrick Dillon und Jean Gastines aus dem Jahr 1988. Entsprechend modern ist der Stil der Keller. Alles ist besuchergerecht eingerichtet. Schon vom Eingangsbereich aus ist der Gärkeller durch Fenster einsehbar. Die Abfüllanlage kann - ohne Gefahr für Hygiene und Beschädigung der Anlagen durch zu neugierige Besucher - von einer Galerie aus eingesehen werden. Die 1.500 Barriques lagern schaugerecht und perfekt arrangiert im Barriquekeller. Die Führung war angenehm kompetent und auch sehr ehrlich. Wir erleben kein „Winzerlatein” für Weintouristen, sondern es wurde offen über die Technik zur Weinbereitung gesprochen. Auch der Konzentrator war kein Tabuthema. „Warum sollten wir auf Methoden verzichten, die den Wein verbessern”, so die symphatische Führerin als Antwort auf die Frage, ob Mostkonzentration für Pichon-Longueville ein Thema ist. Auf die Frage, ob denn das Eiweiß für die Klärung im Weingut geschlagen wird, kam nur ein kurzes „also bitte”. Uns wurde erläutert, dass das im Bordeaux längst nicht mehr üblich wäre und man so etwas auf den meisten Weingütern nur noch den Touristen erzählt. Heutzutage werden dazu Pulver oder andere industriell hergestellte Eiweißprodukte verwendet.
Probiert haben wir die beiden 98er des Gutes. Den Zweitwein Les Tourelles de Longueville sowie den Erstwein des Gutes.

Am Nachmittag stand dann ein ganz großer Namen auf dem Programm: Ein spürbarer Kontrast zum hochtechnischen Pichon-Longueville Baron, das nachträglich zum Premier Cru erhobene Château Mouton Rothschild. Die Anfahrt ist unspektakulär, ebenso der Eingangsbereich. Zuerst haben wir die für Besucher obligatorische Diashow angesehen, in der die Baronin Philippine Rothschild die Besucher über Historie und Gegenwart über Mouton Rothschild sowie die angeschlossenen Weingüter des Mouton-Imperiums aufklärte. Insgesamt ein gut gemachter Webefilm, naja, zur Einstimmung evtl. ganz hilfreich.

Tradition ist das, was dem Besucher in der Führung gezeigt und vermittelt wird. Keine Stahltanks, der alte Keller mit dickem Schimmel an den Wänden. Zum Abschluss das hauseigene Museum mit wertvollem historischem Material rund um Weinbereitung und Weingenuss; stilgerecht präsentiert. Johnson nennt dieses Museum sogar das "größte Museum mit Kunstwerken zum Thema Wein in der Welt".
Die Frage, ob denn Mostkonzentration verwendet wird, konnten wir uns nicht verkneifen. Ob sie nun wirklich nicht wusste, wovon die Rede war? Ob sie unsicher war, was sie sagen darf? Die bisher ruhige Art unserer Führerin war jedenfalls für einen Moment durchbrochen. Eine Antwort bekamen wir nicht. Egal, es war beeindruckend, dieses Weingut einmal mit eigenen Augen zu sehen. Es fehlte nur der Schlüssel zum privaten Weinkeller der Baronin, den man mit offenem Mund durch das Gitter einsehen konnte: Hier sind 120.000 Flaschen gelagert; ein Großteil daraus aus einem traditionell jährlich stattfindenden Austausch von jeweils 12 Flaschen zwischen den führenden Gütern im Bordeaux.

In der Probe wurden uns 2001er Fassproben vom d´Armailhac, Clerc Milon Rothschild sowie natürlich dem Mouton Rothschild präsentiert. Sehr enttäuschend war in jedem Fall der d´Armailhac, eine Beurteilung der weiteren Weine in dieser frühen Phase traue ich mir nicht zu. Mouton Rothschild war für meine Begriffe erstaunlich zugänglich und unter dem Strich wenig beeindruckend.

Einer der teuersten Rebflächen Frankreichs. Hier schlägt der qm Land mit mindestens 500 Euro zu Buche.
Im Anschluss an die Besichtigung erfolgt eine Photo-Shooting-Tour nach dem Motto „Médoc in zwei Stunden”.. Aber man muss sie einfach mal gesehen haben, die Tempel des Weinliebhaber Cos d´Estournel, Lafite, Latour und Pichon Comtesse.















Margaux



Die imposante Einfahrt zu Chateau Margaux
Der Besuch auf Château Margaux war ein Höhepunkt der Reise. Wer die Gelegenheit hat, dieses Schloß zu besuchen, sollte sie wahrnehmen. Hier werden auf 90 ha drei Weine erzeugt: Pavillon Blanc, Pavillon Rouge und der berühmte Premier Cru Châteaux Margaux. Das Gut gehört der Familie Mentzelopoulos, die es 1977 erwarb. Seitdem ist Margaux konstant an der Spitze. Es liegt in der gleichnamigen Appellation Margeaux. Im Medoc ist es einzigartig, dass Appellation und Schloßname identisch ist.

Mit den Jahrgängen 1999 und 1997 durften wir diejenigen Jahrgänge probieren, die - obwohl sie nicht zu den führenden Jahrgängen im Margaux zählen - beeindruckend waren. Beide gehören zu den Wein-Höhepunkten unserer gesamten Tour.

St. Julien


Der "schönste Rasen im Bordeaux" vor Gruaud Larose
St. Julien ist „eine der gleichmäßigsten, zuverlässigsten und am stärksten unterbewerteten Regionen im Haut-Medoc”, so schreibt es Max Hendlmeier in den Reiseunterlagen. Unser Beispiel dieser Region ist Château Gruaud Larose. Das Gut hat bezüglich seiner Eigentümer eine wechselhafte Geschichte hinter sich. Entstanden im 18. Jahrhundert, aufgeteilt im 19. Jahrhundert und 1934 wieder vereint. Nach einem Verkauf 1995 erfolgte dann 1997 der Verkauf an den heutigen Eigentümer, an die Gruppe Bernard Taillan. Auf die Qualität und Konstanz hatten diese Wechsel keinen Einfluss. Auf 82 ha wachsen 60 % Cabernet Sauvignon, 20% Merlot und 10 % Cabernet Franc, 10% Petit Verdot.
Barriques mit der typischen roten Färbung zwischen den mittleren Fassreifen. Diese wird aus optischen Gründen mit Hilfe eines Schwamms und etwas Restwein angelegt um die unvermeidlichen Flecken rund um das Spundloch zu kaschieren.
Sehr anschaulich wurden uns die Produktionsanlagen gezeigt. Von der hellen, modernen Traubenannahme über die Gärgefäße aus Holz und Beton bis hin zum Barriquekeller. Stahl ist auf dem Schloss tabu. Zum Einsatz kommen statt dessen moderne Betontanks für den Zweitwein und Holz für den Erstwein.

Auch während dieser Führung kommt natürlich die Sprache auf den Jahrgang 2002. Wie überall, hofft man noch sehr auf ein paar sonnige Wochen bis zur Lese. Nach den vergangenen Wochen, die sehr verregnet waren, ist sowieso kaum noch mit einem großen Jahrgang zu rechnen.
Probiert haben wir eine Fassprobe des Erstweines 2001. Die lange Maischestandzeit wirkt sich hier durch eine sehr dichte Farbe und ein festes Tanningerüst aus. Die Tanninqualität lässt jedoch auch die Probleme des Jahrganges erkennen.



Der goldene Löwe - Hier speisen die Winzer

Das Restaurant Lion d´Or ist eine Adresse, die viel Aufmerksamkeit in der Region genießt. Liegt das an dem quirligen Inhaber Paul Barbier? Liegt es an der Besonderheit, dass jeder seinen Wein mitbringen darf ohne dass Korkgeld verlangt wird? Liegt es an den Schränkchen mit Glastüren und den Messingschildchen mit den Namen von bekannten und weniger bekannten Châteaus der Umgebung? Diese sind übrigens jeweils mit einigen Flaschen dieser Châteaus gefüllt. Die jeweiligen Erzeuger haben einen Schlüssel zu ihrem Schrank und entnehmen damit ein oder zwei Flaschen, wenn sie hier zum Speisen kommen. Das Essen war gut, ist aber sicher nicht der einzige Grund für die wochenlangen Reservierungszeiten die man hier in Kauf nehmen muss.
Das Menü bestehend aus Lachs in emulsierter Estragonsauce, Kalbsnuß im Ganzen gebraten mit Pommes Maxime, Windbeutel gefüllt mit Bratapfel und Vanilleeis auf einer Sauce von Apfel, Vanille und Weißwein. Das Menü war sehr klassisch hergestellt und ohne große Spielereien. Ein richtiger Gaumenschmaus.


Moulis und Listrac


Altertümliches Gerät zum Ziehen von Rebstöcken im Museum von Maucaillou
Die weiter von der Gironde entfernte Region Moulis ist die kleinste Appellation im Médoc. Hier ist nicht die Heimat der klassifizierten Gewächse, sondern der Cru Bourgois. Eines davon ist Château Maucaillou. Mit 55 ha gehört Maucaillou eher zu den größeren Erzeugern der Region. Interessant für den Besucher ist das Museum. Dort werden historische Geräte gezeigt, die in der Vorzeit im Weinberg und im Keller verwendet wurden. Anschaulich werden Prozesse gezeigt und erläutert, wie z.B. die Herstellung von Korken oder Barriques. Eine spezielle Anlage ermöglicht es, Geruchsproben der „Gerüche im Maucaillou” zu nehmen und diese mit Hilfe von - leider nur auf Französisch beschrifteten - Knöpfen zuzuordnen. Die meisten Schaustücke sind jedoch mehrsprachig (u.a. auch in Deutsch) beschriftet, so dass man sich auch als sprachunkundiger durchaus informieren kann. Das galt nicht für den Film, der - ähnlich wie schon auf Mouton - quasi zum Pflichtprogramm der Besucher gehört. Die Stühle sind bequem und man kann sich 15 Minuten lang ausruhen. Der Film nutzt als Analogie zur Kunst der Weinherstellung einen gealterten Dirigenten, der mit großem Einsatz und Enthusiasmus klassische Musik dirigiert. Im krassen Gegensatz dazu stand unsere junge Führerin, die mit der Führung ihr offenbar sehr lästiges Pflichtprogramm absolvierte. Ich weiß nicht, ob es der Eindruck der nicht gelungenen Führung oder wirklich der Wein war. Jedenfalls hat uns der probierte 97er Maucaillou nicht sonderlich überzeugt.


Bergitta Reiss
Ganz anders war eine Probe, bei einem in Deutschland relativ bekannten Versender, Château Classic. Die überaus charmante und sympatische Bergitta Reiss ist irgendwann aus Ärger über die Schwierigkeiten, Bordeauxweine in Deutschland einzukaufen, in das Medoc gezogen und beliefert seitdem von dort aus deutsche und europäische Weinfreunde mit den Gewächsen der Region. Vor zwei Jahren hat Hawesko Anteile an Château Classic übernommen. Damit wurde der Grundstein zu einer weiteren Expansion gelegt. Insbesondere sollen in Zukunft die Aktivitäten im Internetgeschäft deutlich erweitert werden.

In dem kürzlich dazuerworbenen Laden in St. Julien de Beychevelle hat sie uns, mehrere Médoc-Weine in der Preisklasse jeweils um rund 20 Euro präsentiert. Besonders erwähnenswert: Petit Bocq aus St. Julien 1999. Dichte Nase, sehr präsente, reife Tannine. Lang. Ca. 90 Punkte. Für knapp über 20 Euro ist dieser Wein sicher eine Empfehlung, wie überhaupt ein Besuch in der Weinhandlung.

Bergitta Reiss haben wir die Organisation des Abends zu verdanken. Ein Besuch auf „La Mayne Lalande”, ein Cru Bourgois aus Listrac-Moulis. Im Gärkeller, der zumindest zum Zeitpunkt unseres Besuches etwas mehr von dem bei anderen Erzeugern erlebten Reinlichkeitsbestreben gut getan hätte, wurde uns von Bernhard Lartigue erläutert, wie man, so Lartigue "einen guten Wein macht". Die ausschweifenden Erklärungen in französischer Sprache über Naturnähe und die Einzigartigkeit der Bordelaiser Weine, die „in dieser Qualität einmalig auf der Welt” seien, wurden von Bergitta Reiss zunehmend zusammenfassend übersetzt. Ich glaube niemand war traurig über diesen „Informationsverlust”. Aus Lartigue sprudelt spürbar der Eifer und der Enthusiasmus, mit dem er seine Weine macht. Durch eine große Glastür vom wunderschönen Barriquekeller getrennt, nahmen wir die Gelegenheit war, seine Weine der Jahrgänge 1998 bis 2000 zu probieren. Diese Weine für unter 20 Euro waren Musterexemplare dafür, dass man durchaus auch noch Schnäppchen finden kann, sobald man sich einmal in der Region unter den klassifizierten Gewächsen bewegt. Besonders beeindruckend übrigens 2000er, den ich auf ca. 93 Punkte einschätzte. (1999: 89 Pkt., 1998: 91 Pkt.).

Sauternes


Viel zu früh (Anfang September) wurden diese Trauben von der Botrytis befallen. Diese müssen voraussichtlich in zwei Wochen ausselektiert werden
Mit diesem Namen verbindet der Weinliebhaber besonders einen Weintyp: Den edelsüßen, durch die Botrytis (Edelfäule) geprägten und mit minimalsten Erträgen produzierten Süßwein aus Sémillon und Sauvignon Blanc. Während die Erträge der Spitzen-Rotweine im Médoc bei ca. 30-40 hl/ha liegen, müssen sich die Produzenten im Sauternes mit Erträgen zwischen 5 und 15 hl/ha zufrieden geben. Das Klima im Sauternes wird geprägt durch den kalte Ciron, der in die wärmere Garonne fließt. Die dadurch entstehenden Nebel führen dazu, dass die Trauben zum Ende der Reifeperiode von der Edelfäule (Botrytis cinerema) befallen werden. Diese führt zu einem Einschrumpfen der Trauben im Weinberg und verleiht dem Wein sein charakteristisches Aroma.

Der unbestrittene Spitzenerzeuger in der Appellation und gleichzeitig weltweit „der” Name für Süßwein ist Château d´Yquem. Wir besuchen einen direkten Nachbarn von d´Yquem, das Château Raymond-Lafon. Das Gut gehört Pierre Meslier, dem ehemaligen Direktor von Château d´Yquem.
"Vor vielen Jahren hat man Amerika entdeckt..."% mit diesen Worten bekommen wir eine Kurzschulung über reblaus-resistente Unterlagsreben. Sein Fazit: „Die Füße sind amerikanisch% der Kopf ist und bleibt aber französisch”
Wir erleben in ihm einen charismatischen, engagierten Menschen dessen Herz im Weinberg hängt. Dort beginnt auch die Führung. Zwischen dem Sauvignon Blanc auf der Rechten und dem Sémillon auf der Linken lernen wir die Bedeutung dieser Rebsorten für den Sauternes-Wein kennen: Der Sauvignon mit etwa 20% für das Traubenaroma und der für Edelfäule anfälligen Sémillon für das Botrytis-Aroma und die damit verbundenen Süßegrade.

Raymond Lafon ist geradezu eingekesselt von Yquem-Reben. Entsprechend hochwertig dürften auch die Bedingungen sein auf dem „höchsten Weinberg im Sauternes”. Dieser sei, so fügt Meslier mit einem Lachen an, „80 Meter hoch”. Das Gut ist in der Klassifizierung von 1855 nicht berücksichtigt. „Damals war das Weingut zu jung”, so Meslier als Begründung. Der Verbraucher erspart sich natürlich den leider üblichen Cru-Zuschlag beim Preis!

Probiert haben wir den 98er. Ein sehr reintöniger Wein mit Frische und Lebhaftigkeit. Man könnte glauben, den lebhaften Pierre Meslier in diesem Wein wiederzufinden. Mit 25 Euro für die halbe Flasche und sicher über 90 Punkten eine Empfehlung und eine gute Alternative zu den bekannten Namen im Sauternes.

Premier Cotes de Bordeaux


Von Bordeaux aus südwärts entlang der Garonne erstreckt sich das Gebiet Premier Cotes de Bordeaux. Die Rotweine haben dort mittlerweile eine größere Bedeutung als die Weißweine. Es handelt sich um ein recht unbekanntes Gebiet, das nicht für Spitzen bekannt ist.
Jens Böhme führt uns über das Gut
Um so erstaunlicher, dass sich gerade hier 1989 die Bremer Unternehmensgruppe Reidemeister & Ulrichs engagiert und das Château du Grand Moueys in Capian erworben hat. Seitdem erlebt dieses Gut einen Aufschwung. Investitionen in die Weinberge und den Keller wurden möglich. Die Marktposition in Deutschland wurde damit auch abgesichert. Heute exportiert das Gut ca. 20% seiner Weine über R&U nach Deutschland.

Jens Böhme, der aus Deutschland stammende Verkaufsleiter, übernahm die Führung. Wir lernen ein Weingut kennen, das in traditionellen Räumen modernste Technik einsetzt. 100% maschinelle Lese mit anschließender Selektion am Band sowie Vergärung im Edelstahl sind Stichworte, die das unterstreichen.

Die Verkostung erfolgt in den Räumen des Schlosses in angenehmer Atmosphäre bei einem umfangreichen Buffet. Die Weißweinen (der frische Grand Moueys Bordeaux Blanc Sec, dito im Barrique ausgebaut) sowie der sehr einfache Zweitwein les Templiers bilden den Anfang der Verkostung. Es folgt der anspruchsvollere Erstwein von 1997, der mit 12,50 Euro ab Gut durchaus sein Geld wert ist.

Graves


Ähnlich wie Premier Cotes Bordeaux ist Graves auch eine Appellation, die sowohl für Rotwein als auch für Weißwein steht. Ein Teil von Graves hat seit 1987 eine eigene Appellation: Pessac-Leognan. Hier hat sich Château Pape-Clément neben Chevalier einen besonderen Namen gemacht, ein sehr altes Weingut, das insbesondere für seine Rotweine bekannt ist. Laut Max Hendlmeier handelt es sich hier um das Château mit der am „ältesten durchgehenden Geschichte in Bordeaux”. Es wurde im Jahr 1300 angelegt. Das Weingut liegt mitten in der Stadt Bordeaux, in der Flächen zwangsläufig immer teuerer und knapper werden. Heute hat das Gut neben 2,5 ha für Weißwein insgesamt 30 ha Rotwein, davon 60% Cabernet-Sauvignon und 40% Merlot.



Der Weißwein (Sémillion, Sauvignon, Muscat) liegt bis kurz vor der Abfüllung auf der Hefe. Durch eine Bâtonnage wird für einen regelmäßigen Kontakt mit der Hefe gesorgt. Nach Betonitschönung und einer leichten Filterung erfolgt die Abfüllung. Schade, dass wir den Weißwein nicht probieren konnten. Entschädigt wurden wir jedoch vom 93er Pape Clément Erstwein. Reife betörende Fruchtaromen, Rauch, Tabak und Lederaromen. Ein Wein mit viel Kraft und in einem bereits trinkfähigem Alter. Letzteres galt natürlich nicht für die anschließende Fassprobe des Jahrgangs 2001, auch wenn dieser qualitativ noch spürbar über dem 93er liegt.

In den letzten Jahren ist ein kontinuierlicher Umstieg von Edelstahl auf Holz als Gärgefäß erfolgt. Die Trauben werden per Hand entrappt und aufwendig per Hand selektiert.

Blick auf die mittelalterliche Stadt St. Emilion


St. Emilion


Das beschauliche Städtchen St. Emilion gab der wohl bekanntesten Appellation am rechten Ufer der Gironde seinen Namen. Im St. Emilion gibt es ein eigenes Klassifizierungssystem. An der Spitze stehen die 11 Premier Grand Cru Classés, darunter 63 Grand Cru Classés. Die Rebflächen der Güter in St. Emilion sind - verglichen mit dem Médoc - relativ klein. So haben die Premier Grand Cru Classées im Schnitt lediglich eine Rebfläche von nicht einmal 20 ha. Als Rebsorte dominiert hier, wie am gesamten „rechten Ufer”, der Merlot.

Château Canon la Gaffelière ist ein Grand Cru Classee etwas außerhalb der Stadt St. Emilion. Seit 1971 gehört das Gut zum Besitz der deutschen Familie Graf Neipperg. Seit 1985 wird das Gut von Stephan Neipperg geführt. Seitdem ist die Qualität beständiger. Ebenfalls im Besitz der Familie Neipperg und gemeinsam mit Canon la Gaffelière verwaltet wird das nur 4,5 ha große Spitzengut La Mondotte sowie das Grand Cru Peyreau, Clos de l’Oratoire sowie Château d’Aiguilhe.

Bei der Führung auf Canon la Gaffelière erleben wir ein Gut, das, anders als die Schlösser im Médoc, eher einer betriebsamen Anlage als einem repräsentativen Schloss ähnelt. Von hier aus leitet Stephan Neipperg die Geschicke seiner Güter im St. Emilion. Von seinem Büro aus blickt er auf seine Rebstöcke, die, wie im gesamten Bordeaux üblich, von Rosenstöcken eingeleitet werden. Etwas ärgerlich, dass man uns hier das „Rosenmärchen” auftischt. Angeblich dienen die Rosenstöcke nach wie vor der Früherkennung von Krankheiten. Das ist längst nur noch eine Legende. Früher dienten die Rosen in der Tat der Früherkennung des falschen Mehltaus. Die Rosen werden schneller befallen als die Reben, so dass die Winzer in der Vergangenheit rechtzeitig erkennen konnten, dass auch den Reben ein Befall droht. Heutzutage gibt es weitaus zuverlässigere Methoden. Die Rosen haben nur noch einen Zweck: Zierde und - leider eben auch auf Gaffelière - Grund den Touristen eine hübsche Geschichte aufzutischen.

Alte Flaschen% die ausgesondert werden mussten% da diese von der berüchtigten Korkmotte befallen sind. Mittlerweile schützt man die Korken vor der Verkapselung durch spezielle Kunststoffüberzüge.
Als Besonderheit lernen wir hier ein Verfahren kennen, das seit einigen Jahren Einzug in die Keller hält, die sogenannte Micro-Oxydation. Bei diesem Verfahren wird dem Wein mit Hilfe von speziellen Düsen während des Ausbaus dosiert Sauerstoff eingeblasen. Hier erfolgt das nicht im Edelstahltank, sondern im Barrique. Das macht die Souterage, den Umzug des Weines alle paar Monate in jeweils neue Barriques, überflüssig. Die Micro-Oxydation führt zu schneller trinkreifen Weinen. Ein möglicher negativer Einfluss auf die Lagerfähigkeit ist umstritten.

Von den Neippergschen Weinen durften wir die folgenden Fassproben aus 2001 probieren:
Château d’Aiguilhe, Clos de l’Oratoire, Canon la Gaffelière sowie La Mondotte.



Pomerol


Verrieselungen an einem ca. 30 Jahre alten Cabernet Franc-Rebstock. Im Jahr 2002 werden derartige Verrieselungen den Ertrag auf dem Gut voraussichtlich stark schmälern.
Die andere bekannte Appellation am rechten Ufer ist Pomerol. Die Landschaft ist reizlos, oder wie es Max Hendlmeier zu den Weinen aus Pomerol in seinen Reiseunterlagen formuliert: „..ihr Glanz und Ruhm beruht mehr auf ihnen selbst, als auf der Landschaft aus der sie stammen”.
Auch im Pomerol dominert der Merlot. Wir besuchen den Erzeuger eines sogenannten „Garagenweines” Château Guillot-Clauzel. Hier wird der Wein von lediglich 1,7 ha ausgebaut und abgefüllt. Erzeugt wird aus den 60% Merlot und 40% Cabernet Franc der Erstwein Château Guillot-Clauzel sowie der Zweitwein Château Graves Guillot.

Der oberirdische „Keller” könnte durchaus in zwei etwas größere Doppelgaragen passen. In der ersten „Garage” befinden sich einige wenige Gärbehälter, in der zweiten „Garage” die Barriques und ein kleines Flaschenlager.



"So tief wird der Boden gepflügt% wenn alte Reben durch neue Reben ersetzt werden."
Im zweiten Raum lernen wir einiges über die Philosophie von Madame Clauzel bzw. unseres Führers. Er ist ein Anhänger davon, der Natur weitgehend ihren Lauf zu lassen und zu akzeptieren, dass unterschiedliche Jahrgänge unterschiedliche Weine hervorbringen. „Einen perfekten Wein zu machen finde ich total blöd”, ... „Ein Wein muss menschlich sein”. Deutlich kritisiert er Bestrebungen auf einigen Gütern, jedes Jahr einen möglichst identischen Wein zu erzeugen. Das sei nur mit einem großen Technikeinsatz möglich. Als Beispiel nennt er die Micro-Oxydation im Barrique, also das Verfahren, das uns wenige Stunden vorher auf Gaffalière noch als besonders zukunftsweisend geschildert wurde.

Mit einem kurzen Abstecher zum sicher bekanntesten Gut im Pomerol Petrus endet unsere Tour durch die Anbaugebiete des Bordeaux. Nach einem Abschlußessen (siehe unten) und einer weiteren Übernachtung geht es dann mit dem Bus zurück nach Deutschland. Das das nicht langweilig werden würde, wußten wir ja schon von der Hinfahrt...

Die gesamte Gruppe in den Rebstöcken von Petrus



Ein weiterer Bericht zur Reise im Weinforum

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