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Der streitbare Winzer Reinhard Löwenstein hat den Terroir-Begriff als Gegenentwurf zum Industriewein in Position gebracht. Nun legt er in einem Buch nach: „Terroir – Weinkultur und Weingenuss in einer globalen Welt“ diskutiert die kulturgeschichtlichen Aspekte des Weins. Er schreibt: „Ehrliche Weine haben einen guten Sound. Aber gibt es einen Wein, der mehr ist als nur unsere Projektion?“

Wenn es doch nur um den Boden ginge! Dann wäre die Sache viel einfacher. Die Debatte, was Terroir denn nun genau sei, ist in Weinrunden, Internet-Foren und öffentlichen Veranstaltungen hitzig geführt und gelegentlich mit deutscher Gründlichkeit völlig missverstanden worden. Doch die Polarisierung des Begriffs hat das Denken vieler Winzer und Weinfreunde verändert, zumindest in Frage gestellt. Es geht darum, ob man Boden im Wein schmecken kann und soll, was Komplexität und Individualität bedeutet, und welche Eingriffe in natürliche Prozesse einem Wein gut tun und welche nicht.

Im Jahr 2003 begann Löwenstein in seinem in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung veröffentlichen önologisches Manifest „Von Öchsle zum Terroir“ die Auseinandersetzung, wie sich ein guter Wein definieren ließe. Die so begonnene Diskussion ist noch längst nicht zu Ende. Damals schrieb er: „Terroir ist der spannende Lernprozess zu begreifen, dass ein guter Wein mehr ist als die wissenschaftlich darstellbare Summe von Boden, Reben, Mikroklima und menschlicher Arbeit: Ein fragiler Prozess der Veränderung, ein komplexes Gebilde an der Grenzfläche von Planung und Intuition, von Kontrolle und Laisser faire, von Apollo und Dionysos.“ Diesen Ansatz hat er nun in einem lesenswerten Buch weitergeführt, in dem er den  „Terroir“-Begriff des Buchtitels  als „Weinkultur und Weingenuss in einer globalisierten Welt“ weiterentwickelt. Löwenstein, mit Hegel, Marx, Freud und Wilhelm Reich vertraut, plädiert mit gelegentlich großer Geste gegen Objektivität, Linearität, Wissenschaftlichkeit und Vorhersagbarkeit.

Mit Karl Marx fordert er gleich zu Beginn des Buches, ein Begriff wie Terroir solle nicht nur logisch wahr sein, sondern auch historisch. „Recht hat er“, schreibt Löwenstein, denn all die logisch-objektiven Schubladenbegriffe seien völlig ungeeignet, einen Wein zu beschreiben: Halbtrocken, geringer Alkoholgehalt, adstringierend, harmonische Säure und so weiter. Wein müsse einfach verstehbar sein – „keep it simple and stupid“ – um in einer komplexen Welt für etwas zu stehen, was immer das dann auch ein mag. Diesem Trend setzt er die Sehnsucht nach „ehrlichem, authentischem, kulturbeseeltem Wein“ entgegen – Romantik meets Aufklärung. „Das schöpferische Zusammenwirken von Weinberg, Rebe, Klima und Mensch lädt vielmehr zur Betrachtung aus verschiedenen Perspektiven ein, erlaubt ein Verstehen, Begreifen und Erspüren des komplexen Begriffs Terroir auf ganz unterschiedlichen Wirklichkeitsebenen.“

In zehn Kapiteln betrachtet Löwenstein, der sich dabei als brillanter Essayist beweist, diese Ebenen und Perspektiven, gelegentlich sogar mit Humor und (Selbst-)Ironie. So geht’s rasant durch Naturbegriff und Wahrnehmungspsychologie, Rausch und Massenwein, die zivilisatorische Mission des Kapitals, Philosophie, Weindemokratie und die Notwendigkeit von Reife eines Weins, um zum Terroir als Idee, nicht als definiertem Begriff zurückzuführen.

So ganz nebenbei attestiert er Öko-Beseelten und Biodynamikern unter den Winzern mit ihrem Naturbegriff eine gehörige Portion Naivität. Er belegt die latente Judenfeindlichkeit des Biodynamie-Begründers und Anthroposophen Rudolf Steiner („Das Judentum als solches hat sich aber längst ausgelebt, hat keine Berechtigung innerhalb des modernen Völkerlebens“, 1888) und beschreibt, wie sehr SS-Führer Heinrich Himmler, einer der Hauptverantwortlichen für den Holocaust, sich für biodynamischen Landbau einsetzte, bis die Organisation Steiners 1935 schließlich verboten wurde. Man wird Löwenstein vorwerfen, das sei alles aus dem Zusammenhang gerissen.

Gut, dass er seine linksintellektuelle Vergangenheit so weit erdet, dass ihm das Zuspitzen von Theorien, das Polarisieren von Gedanken aus 2000 Jahren Geistesgeschichte, die Perspektivenwechsel und im Gegensatz dazu das Eintauchen ins Romantisch-Innerliche nicht aus der Bahn werfen. Nur wer die Welt als komplexes Gebilde in permanenter Veränderung begreift, kann auch komplexen Wein herstellen, könnte man seine Thesen verkürzen. So rattert und rüttelt es auf seiner Bahn durch die Terroirbetrachtung, die (er)kenntnisreich ausfällt, weil er sie mit Scharfsinn entwickelt: „Schwarze Pädagogik zur Rettung der Welt, moralinsaures Leiden für den guten Zweck, maschinenstürmerisches Aufbäumen der ‚echten Winzer’, scholastische Suche nach der letzten Wahrheit – nein, die Idee Terroir erlaubt ein Mehr an Freiheit, versteht Wein als einen systemischen Begriff, traut sich, auf viele Fragen keine eindeutigen Antworten parat zu haben, lädt ein zur Emanzipation.“ Das ist es, was Löwenstein will: Eine Debatte über Wein, die ihn nicht als Konglomerat physikalischer und chemischer Prozesse nach dem Prinzip Ursache-Wirkung betrachtet, sondern als Teil der Geistes- und Kulturgeschichte. Das macht die Sache nicht leichter. Soll sie laut Löwenstein aber auch nicht: „Komplexer Genuss ist alles andere als einfach. Zum Glück.“

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Reinhard Heymann-Löwenstein, Terroir: Weinkultur und Weingenuss in einer globalen Welt, Gebundene Ausgabe, 180 Seiten, Franckh-Kosmos Verlag, ISBN: 3440117928, 19,95 Euro

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