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Wein trägt zum Treibhauseffekt bei wie alle Konsumgüter. Winzer und Händler können die Klimabilanz ihres Produkts allerdings beeinflussen. Und das honorieren klimabewußte Weinfreunde durchaus.

Kohlensäure sei Dank! Ohne sie gäbe es keinen Sekt.Und erst mit ihr prickelt der Champagner so schön! Im Schaumwein gelöst macht Kohlenstoffdioxid Vergnügen. Anderswo im Weinbau ist das Gas mit der Summenformel CO2 eher als Killer berüchtigt: Bei Rebenzucht und Weinbergspflege, bei Lese, Weinbereitung und Abfüllung und vor allem bei den diversen Transporten kommt so einiges zusammen an klimaschädlichen Emissionen.

Wie Vieles, was wir täglich produzieren, nutzen oder genießen, hinterlässt auch die Herstellung des Genussmittels Wein ungesunde Spuren im Lebensraum-System Erde. Der Treibhauseffekt ist nicht die einzige, doch global bedrohlichste Folge. Längst ist klar: Wir werden das Problem nur mit einem anderen Konsumstil lösen. Das stellt auch Winzer, Handel und Weinfreunde vor immer drängendere Fragen: Wie macht man das Konsumgut Wein klimaverträglich? Und welcher Wein ist gut für klimabewußte Konsumenten?

In der Klimabilanz des globalisierten Weinhandels schlagen Transporte besonders üppig zu Buche.Weinflaschen tragen mit rund 500 Gramm, Schaumwein sogar mit 900 Gramm Glasgewicht erheblich zu den CO2-Emissionen der Branche bei. Das hat das Gebietskomitee der Champagne veranlasst, vor Kurzem eine 65 Gramm leichtere, druckstabile Flasche vorzustellen. So könnte das Luxusprodukt Champagner klimafreundlicher werden. Ebenfalls kürzlich präsentierte Tesco, weltweit viertgrößter Einzelhändler und einer der größten Weinimporteure Großbritanniens, eine 40% leichtere Weinflasche. Im breiten Einsatz könnte sie die Klimabilanz der Branche noch deutlicher verbessern.

Transportbedingte Emissionen einer Flasche Wein legen generell energieeffizienteren Transport, vor allem aber kurze Wege nahe. Tyler Coleman vom California Wine-Institute bezweifelt allerdings, dass regionale Herkunft beim Wein immer die klimafreundlichste Wahl ist. Seine Studie „Red, White and „Green“: The Cost of Carbon in the Global Wine Trade“ rechnet vor, an der Ostküste der USA, beispielsweise in New York, sei es klimafreundlicher, aus Bordeaux verschifften Wein zu trinken, statt aus Kalifornien herangekarrten.

Verallgemeinern lässt sich diese Einschätzung allerdings kaum. Dies nicht zuletzt deshalb, weil Colemans Betrachtung erst mit dem Traubentransport zur Kelter beginnt Der Stoff- und Energieeinsatz im Weinberg blieb in dieser Rechnung außen vor.

Nur vom Gärtank bis ins Weinregal reicht auch die CO2-Bilanz, die die deutsche Weinkellerei Reh Kendermann 2009 für ihren Weinexport in den britischen Markt berechnen ließ. Das Unternehmen reagierte so auf das Interesse der Briten für den "carbon footprint". Tatsächlich taucht die bei uns "CO2-Fußabdruck" genannte Größe als Klimalabel auf immer mehr Produkten auf, nicht nur in Großbritannien.

Guter Ansatz, sagen Experten. Mangels international gültiger Standards aber noch begrenzt nützlich. Die Berechnung soll den Beitrag eines einzelnen Konsumguts zum Treibhauseffekt dingfest machen. Und zwar als Gesamtgewicht emittierter CO2-Äquivalente, das heißt, als Summe aller im Produkt-Lebenszyklus anfallenden Treibhausgase umgerechnet in die Klimawirksamkeit des CO2. Doch selbst, wenn man fürs Erste beiseite lässt, wie das Messergebnis zustande kam oder wie verallgemeinerbar es ist: Zu mehr Klimaschutz führt die Neugier auf CO2-Bilanzen erst, wenn sie in Unternehmen Reduktionsprozesse in Gang setzt und die entsprechende Verbraucherinformation erlaubt, klar zwischen verschieden klimaverträglich hergestellten Produkten zu unterscheiden.

Die Winzerin Birgit Braunstein hatte solche Ziele im Sinn, als sie auf ihrem Weingut im österreichischenn Burgenland über Biodynamie und Klimaschutz nachdachte.Wieviel größer das CO2-Sparpotential von Bioanbau gegenüber konventionellem ist, hat zum Beispiel 2008 in der Toscana eine vergleichende Untersuchung der Universität Siena gezeigt. Und auch für Braunstein erwies sich die Umstellung auf den Bioanbau tatsächlich als ein sehr entscheidender Faktor in der verbesserten Klimabilanz ihrer Produktion. Als erste Winzerin im deutschsprachigen Raum bot sie im Frühjahr 2009 Rotwein an, den sie als "klimaneutral" bezeichnet. Dabei hat sie sich von Experten beraten lassen. Die Firma Climate Partner verleiht das Prädikat "klimaneutral" Weinen oder Weingütern, wenn festgelegte Reduktionsziele erreicht und Restemissionen im zertifizierten Emissionshandel ausgeglichen wurden.

Letzteres sorgt bei Jakob Bilabel für leichtes Unbehagen. Bilabel leitet in Berlin das Unternehmen Thema1, das als unabhängiger "think-do-tank" den Dialog über erfolgversprechende Wege in die globale "low carbon society" zwischen Klimaforschern, Umweltschützern und Unternehmen organisiert. "Klimaneutralität kann es nicht geben", sagt er. "Auch mit Zahlungen kompensierte Emissionen sind ja nicht aus der Welt". Die Initiative von Biowinzerinnen wie Birgit Braunstein, die sich engagiert um den Klimaschutz kümmern, müsse man dennoch wertschätzen, findet Bilabel. Klimabewußten Weinfreunden rät er aber immer zum kritischen Blick hinter die Kulissen, auch wenn in Zukunft auf mehr Flaschenetiketten "klimaneutral" steht. Und vielleicht sogar gerade dann.

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