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Wein verdankt seine Existenz und seinen Charakter der Entstehung und Reifung in der Zeit. Sein und Zeit finden im zueinander im Wein. Das ist doch „selbstverständlich”, mag man mit Recht einwerfen. Doch gerade das Wissen des vermeintlich Selbstverständlichen scheint nicht nur bei Weinkonsumenten, sondern teilweise auch bei Weinproduzenten zuweilen schwach ausgeprägt zu sein, könnte man ebenfalls mit Recht erwidern. In der anschwellenden Weinpublizistik auch an das „Selbstverständliche”, an die Bedeutung der Zeit für den Wein zu erinnern, ist daher nicht überflüssig; dies gilt um so mehr, wenn die längst auch in der Weinwirtschaft herrschende Globalisierung sich offensichtlich erfolgreich anschickt, „Zeit” - als Element des Weines und seiner Reifung, als sein Wesensbestandteil -  zu „vernichten”, die Zeit und das Warten-Können als „unzeitgemäß” zu diskreditieren: „Marktgesetze” und „Kundenwünsche”, Phänomene wie wunschgemäß komponierter Hefeneinsatz und „Optimierung” durch Schleuderkegelkolonnen eliminieren das Überraschende, das Unvorhergesehene, das Warten auf das Werden.

Dieser Erinnerung an Sein und Zeit des Weines hat der bekannte Weinjournalist Mario Scheuermann nun in seinem jüngsten Buch „Wein und Zeit” Ausdruck verliehen. Der Buchtitel ist voraussetzungsreich und legt hohe Maßstäbe an: „Sein und Zeit” von Martin Heidegger (1889-1976), erschienen 1927, ist der Titel eines der bedeutendsten und bis heute folgenreichsten Werke der philosophischen Literatur des 20. Jahrhunderts. Die von Heidegger neu gestellte „Frage nach dem Sein” - eine der Hauptfragen der Philosophiegeschichte - sollte in der Analyse des auf Zeitlichkeit angelegten menschlichen Daseins beantwortet werden: Das Sein selbst in seiner radikalen Zeitlichkeit war die leitende Frage in Heideggers frühem Hauptwerk. Scheuermann wurde bei seiner Titelformulierung offenbar durch Heidegger-Lektüre angeregt und gibt dies im Vorspann seines Buches durch eine Referenz an den Denker - „eine Verbeugung vor Martin Heidegger für die Idee zum Titel” - zu erkennen. Ist der an den Zeitphilosophen erinnernde Titel „Wein und Zeit” aber mehr als nur ein Wortspiel, mehr als nur Ausdruck anspruchsvoller Inspiration?

Wein und Zeit. Von der Kultur des Genießens” versammelt neun im literarischen Grenzbereich von Essay, Streitschrift und feuilletonistisch-meditativer Besinnung angesiedelte Texte, die meist schon in Weinzeitschriften oder - passenderweise - der „ZEIT” erschienen waren. Kein Vorwort und keine Einleitung erklären Beweggründe und Ziel der Sammelpublikation: Ein Vorspruch „Wein ist Zeit; denn die Zeit macht den Wein” muss genügen; der allerdings schlägt den Grundton aller Texte an: Respekt vor einer Weinkultur, die nicht dem Markt dient und von Respekt vor der Zeit und ihrer Gestaltungskraft, dem Werden des Terroirs und der Reifung,  geprägt ist. So erlaubte es im ersten und „ältesten” Text Scheuermanns von 1998, „Weinselige Zeitreise. Drei Jahrhunderte auf dem Planeten Yquem”, eine in Umfang und Qualität einmalige Yquem-Verkostung in einer „Zeitreise” geradezu „sinnlichen Kontakt mit der Vergangenheit aufzunehmen, sie uns einzuverleiben.” Die Prognosen in „Was werden wir trinken?” spannen vor dem Hintergrund von Klimaänderung und Gentechnik ein zukünftiges - nicht nur spekulatives - Szenario auf, das von der chinesischen Weinbautradition über die Seidenstraße bis in den europäischen Norden reicht.

In „Zeit und Geduld. Ein Plädoyer für das Aristokratische im Wein” sehnt sich Scheuermann, umgeben von der „Konsumware” der „meisten heutigen Weine”, nach der  Aristokratie von Weinen, die Zeit brauchen, um sich zu entfalten, und „Geduld, wenn wir ihnen näherkommen wollen” - mit anderen Worten: Der Mensch hat dem Wein zu entsprechen, nicht der Wein dem Menschen. Die Annäherung an den Wein ist auch eine des Wortes, der „kongenialen Interpretation”, deren der Wein bedarf, „um sich zu vollenden.” In diesen und weiteren Meditationen sind Heimat und Zeit, Passion und Terroir für Scheuermann die zentralen Begriffe für das Verständnis von Weinen, die nicht nur für Gegenwart stehen, sondern auch Vergangenheit und Zukunft in sich tragen. Deren Genuss ist ein Erkenntnisweg, der bei Weinkunstwerken schließlich zur Sprachnot führen und im Sprachlosen, im Unsagbaren münden muss: „Vor diesem Wein versank für einige Augenblicke die reale Welt”, heißt es in Scheuermanns Erinnerung an den 1947er Château d’Yquem. Solche Weine verursachen - als Gefäße „der verherrlichten, transzendierten, sublimierten Zeit”, einen „Taumel” (so der mehrfach zitierte Michel Onfray in dessen „Theorie des Sauternes”). Ein sprachloser Taumel, eine Proust’sche Erfahrung, ein Genuss- und Denkrausch: So sind wir wieder bei Heidegger, dem Titelanreger, angelangt, dem respektlose Publikationen bei Genusslektüre seines Spätwerks (z.B. „Zeit und Sein” von 1962) bescheinigen, in höchster Klarheit ein Denker des Denkrausches zu sein: „Denken und Trinken sind darin wirklich unschlagbar…als selbstgenügsame Berauschungshandlung und umfassende Entweltlichungsweise.” ( „Heidegger für Barbesucher”, Parerga: 1997, Düsseldorf-Bonn.)

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Mario Scheuermann: Wein und Zeit. Von der Kultur des Genießens. Hampp Verlag: 2007, Stuttgart. 190 Seiten. ISBN 978-3-9366-82-21-2; 17,90 Euro


„Wein” von Jens Priewe: Ein Buch als Genussmittel

„Wein” von Jens Priewe, auf 128 Seiten: Der x-te Aufguss der gerühmten Weineinführungen des renommierten Weinjournalisten, könnte man meinen: Was soll nach dem großen Wurf von „Wein - Die neue große Schule” und dem beispielhaften Ratgeber für Einsteiger „Wein - Die kleine Schule” noch kommen? Noch mehr Bilder bei weniger Text, noch kompakter? Warum nicht, dachte sich wohl die zuständige Redaktion von ZabertSandmann: Wir können doch unseren Erfolgsautor drittverwerten! Und so kam es: Im Rahmen der neuen Verlagsreihe „Die neue ZS Generation” sind „Texte von Jens Priewe” - so die pfiffige Formulierung auf der Titelseite - zum Thema „Vom rechten Umgang mit Wein” nicht etwa lieblos geschüttelt und gerührt, sondern derart informativ neuformuliert, neukomponiert, konzentriert und dann überaus ansprechend-informativen Weinaufnahmen unterlegt beziehungsweise an die Seite gestellt worden, dass dabei tatsächlich ein sehr flott geschriebener, brauchbarer Ratgeber herausgekommen ist: „Wein - Die praktische Schule” soll, so Priewe in seinem Vorwort, „zeigen, wie Wein behandelt werden sollte, damit er ein voller Genuss ist.”

Am Wissen über die praktischen Aspekte des Weines scheint es mehr denn je zu mangeln: Zwar gehört Wein allerorten zum Lebensstil, die Einkaufsmöglichkeiten sind unübersehbar; doch was mache ich zu Hause mit dem Wein? Wie gehe ich mit diesem Getränk um? Hier setzt das Buch ein, das sich also nicht um Terroir und Weinentstehung, sondern um das Öffnen der Flasche und richtiges Aufbewahren, Kühlen und Servieren, um Zubehör, Einkauf und passende Weine zu entsprechenden Speisen kümmert. Die „hartnäckigsten Weinlegenden” - wie etwa „Nur trockene Weine sind gute Weine” - werden auch noch widerlegt; und ein kleines, aber feines Weinglossar erläutert immerhin die „Basics”. Kompakt und dennoch ergiebig, nicht (ganz) neu und dennoch aktuell: Eine Mehrfachverwertung, die einfach Freude macht - für 4,95 Euro! Dem Klappentext kann man nur zustimmen: „Hier erfährt man das Wichtigste über den richtigen Umgang mit Wein”.

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Jens Priewe: „Wein”: Zabert Sandmann Verlag, München: 2007, Broschur, 128 Seiten; 4,95 Euro. ISBN 978-3-89883-195-6

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