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„Juni 1978. Nachmittags um drei ist es ruhig auf dem Flughafen von Bordeaux. (Ein Provinzflughafen, klein, menschliche Dimensionen.) Die Franzosen, die so gut - und manchmal so schrecklich - sein können, zeigen sich von ihrer guten Seite: liebenswürdig, intelligent, fix.” So beginnt, lakonisch-pointiert, die denkwürdige Beschreibung einer Verkostungsreise in das Bordelais, zu der die damals 67-jährige deutsch-englische Reiseschriftstellerin Sybille Bedford zusammen mit vier weiteren Bekannten und Freunden, darunter auch ausgewiesenen Weinexperten, eingeladen war. Ihre Eindrücke aus den Gesprächen und der „Dégustation der neuen Weine” auf den Gütern Haut-Brion, Lafite-Rothschild, Ducru-Beaucaillou, Loudenne, d’Yquem und Domaine de Chevalier resümiert Bedford als „ein Vergnügen, wie ich es lange nicht erleben durfte”. Die Weinliebhaberin ( „was immer ein Tag gebracht haben mag, er ist unvollständig, wenn ich nicht ein Glas Wein getrunken habe”) mit besonderem Bordelais-Faible ( „meine wahre Liebe gehörte immer dem Médoc, den Graves, dem Pomerol, dem Sauternes”) schildert auf den knapp 60 Seiten des bibliophil gestalteten, stimmungsvoll illustrierten Geschenkbändchens ihre Reise als einen Ausflug in eine geradezu unwirkliche Welt von eigener Harmonie und Gesetzmäßigkeit: „…wir leben in einem Traum…ein Traum visueller Schönheit, von alten Bäumen, stilvoller Architektur und Weinbergen, gesäumt von Rosen; ein Traum auch von einer harmonischen Lebensweise, von Kontinuität, von Männern und Frauen die im Einklang mit sich selbst und der Natur arbeiten…”

„Die Atmosphäre war heiter…”

Die Upper-Class der Weinproduzentengemeinde des Bordelais erscheint ihr als eine geschlossene Gesellschaft, in der ebenso sehr heitere Schönheit wie strenge Ordnung herrscht, die nur Ihresgleichen anerkennt: familiäre Vertreter der  Tradition und herausragende Protagonisten önologischer Kompetenz im Dienst dieser Tradition. Ihre mit Eleganz, Ironie und Wehmut formulierten Beschreibungen der von gepflegter Konversation umrahmten Dîners oenologiques skizzieren nicht nur das aus Leistung und Tradition gespeiste Selbstbewusstsein des Bordelaiser Weinadels; sie lassen auch deutlich werden, wie selbstverständlich sich die Autorin Bedford in der aristokratischen Weinwelt bewegte, als habe sie in diversen Châteaux ihre Jugend verbracht. Geboren 1911 in Berlin als Tochter des Barons von Schoenebeck und seiner englischen Gattin, aufgewachsen in Deutschland, England, Italien und Frankreich und vor knapp zwei Jahren in ihrer langjährigen Wahlheimat London verstorben, führte sie eine kosmopolitisch-nomadenhafte Existenz, deren aristokratisch-großbürgerlicher Habitus sich in ihren Romanen und Reiseerzählungen widerspiegelt. Ihre Würdigung der gesellschaftlichen Verhältnisse auf einem Château als einer harmonischen Gemeinde bewegt sich zwischen verklärender Sehnsucht und leiser Melancholie, die von Jugenderinnerungen geprägt zu sein scheint:  „…die Frauen und Männer, die auf einem Weingut tätig sind, die vignerons, vom Besitzer zum régisseur, zum Landarbeiter, zur Köchin und zum Flaschenspüler, sie sind ein Team, eine Familie, ein fröhliches Schiff.” Schwerpunkt ihrer Betrachtungen bleibt aber der Wein, dessen richtigen Genuss sie als geradezu kulturelle Aufgabe begreift: „Wie oft,  wie selten wird ein gut gemachter, gut ausgebauter Wein auch gut getrunken?”.

„La Vie de Château” ist ein ebenso bibliophiler wie vinophiler Appetitanreger für Genießer: Für Genießer nicht nur von Weinen aus dem Bordelais, sondern auch von klassischer, kenntnisreich-lebendig schildernder Reiseliteratur.

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Die Originalausgabe dieser Reportage erschien 1979 unter dem Titel La Vie de Château in der Zeitschrift Harpers & Queen in London. Die deutsche Erstveröffentlichung erfolgte in diesem Frühjahr unter demselben Titel in dem Band „Am liebsten nach Süden. Unterwegs in Europa” bei SchirmerGraf:

Sybille Bedford: La Vie de Château. Eine Weinprobe in Bordeaux. München: SchirmerGraf Verlag, 2008. 64 Seiten mit Illustrationen. Hardcover und Schutzumschlag. Preis: 6,95 Euro. ISBN 978-3-86555-056-9.

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