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Das Buch „Mit allen Sinnen - Eine literarische Weinprobe” ist eine Sammlung von 21 Erzählungen von weniger bekannten Autoren aus ganz Deutschland. Wer den Untertitel „Anthologie” liest, denkt zunächst eher an etwas Wissenschaftliches - doch hinter diesem Fachbegriff verbirgt sich schlicht eine „Sammlung von Erzählungen”. Schon im Vorwort wird man darauf hingewiesen, dass es nahe liege, „einen anderen als den wissenschaftlichen Ansatz zu wählen, um das Geheimnis des Rebensafts zu ergründen.” - nämlich den poetischen. Allerdings denkt man eher an einen Ratgeber, wenn man weiterliest: „Entdecken Sie, welcher Wein sich am besten für Versöhnungen eignet und wo Sie einen wirkungsvollen Liebestrank finden, mit dem Sie garantiert den richtigen Partner wählen.” Man ist also geneigt, einen Weinführer zu vermuten, der einem den besten Wein für unterschiedliche Situationen empfiehlt.

Wirkliche Ratschläge, welcher Wein zu welchen Gelegenheiten passt, findet man in dem Buch allerdings nicht. Stattdessen werden 21 Erzählungen präsentiert, die mit jeweils wenigen - vielleicht zu wenigen - Seiten auskommen. Sie wirken so etwa wie der Appetit-Anreger zur Weinprobe, also wie eine Art hauchdünn belegter Baguette-Scheiben. Das Schöne daran: Die Erzählungen sind kurz und man kann sie auch zwischendurch lesen - ohne zu überlegen, an welcher Stelle man stehengeblieben ist, was einem bei einem Roman schnell einmal passiert. Die Geschichten kreisen thematisch alle um den Wein, insbesondere um Weinverkostung und Partnerschaft, sind aber in ihrer Handlung recht unterschiedlich - von der Liebesgeschichte bis zur kriminalistischer Literatur.

Da gibt es die Erzählung von einer Frau, die nach einem Streit unter Wein-Konsum merkt, dass sie selbst so dickköpfig wie ihr Freund ist - in vino veritas - oder von der Dame, die im Pub ihre Internet-Bekanntschaft Georg, einen Weinliebhaber, erwartet, aber nicht weiß, wie dieser aussieht, und hinter jedem Mann ihren Georg vermutet. Ebenso kurze, düstere Erzählungen: Von Weinkritikern, die mit Nikotinsaft ermordet werden; einem verlassenen Ehemann, der sich und seine Frau mit Ricinus-Samen im Jahrhundertwein tötet oder der Mann, der am Grabstein mit einem Glas Wein mit seiner verstorbenen Frau spricht. Auch Witziges gibt es: zum Beispiel die Geschichte von einem Pseudo-Weinprofi, der im Biosupermarkt eine Weinprobe macht und begeistert den Wein kaufen will, als ihm die Reste aus den Verkostungen eingeschenkt werden. Oder die Erzählung über die esoterische Weinhandlung, in der Mann in der Kristallkugel sieht, was die Frau zu Hause treibt.

Von der literarischen Schreibweise sind die Geschichten zwar relativ gut verfasst, leider aber alle etwas ähnlich. Zwar gibt es immer ab und zu überraschende Wendungen, aber die Erzählungen sind zu kurz, um wirklich eine szenische Spannung (und eine komplexere Handlung) aufbauen zu können - genau wie ein Schluck Wein zu wenig ist, um sich dem Aroma ausreichend zu nähern. Am besten sind die kurzen, humorvollen Geschichten, wie etwa die von dem alternden Star-Sänger, der in einem Hotel einer Frau über sein Leben klagt - Ironie lässt sich auch in wenigen Zeilen darstellen, ganze Welten nicht. Oder die von der Kuppel-Party, die eigentlich eine Wein-Werbeparty ist und auf der sich der mysteriöse Mann als Weinhändler herausstellt. Manchmal sind auch ein paar Seitenhiebe gegen deutsche Weine dabei, die eigentlich nicht notwendig wären. Außergewöhnlichen experimentiellen Schreibstil (lange, mit „und” verbundene Sätze) findet man nur in einer Geschichte ( „Bei Anruf Wein”), dieser wirkt aber leicht ermüdend.

Für den normalen Wein-Liebhaber ein nettes, unterhaltsames Büchlein, dessen kurze Episoden sich zwischen den Weinproben gut lesen lassen. Wer aber wirklich in eine andere literarische (Genuss-)Welt abtauchen möchte, für den sind die Geschichten zu kurz, um einen echten Geschmack daran zu finden. Leider erfährt der Leser auch nicht (wie im Vorwort beschrieben), welche Weine sich zu welchen Gelegenheiten eignen oder mit welchen Weinen sich bestimmte Situationen des Lebens am besten begleiten lassen. Insgesamt ist es wie mit den „ordentlichen” Weinen: Eine wirklich herausragende Geschichte ist nicht darunter, aber für zwischendurch sind sie ganz nett zu lesen.

"Mit allen Sinnen - Eine literarische Weinprobe", Stories & Friends Verlag, 160 Seiten, ISBN 13: 978-3-9811560-0-3

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