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160 Millionen Flaschen Lambrusco werden jedes Jahr aus der Emilia in die Regale der Supermärkte der Welt nachgeschoben. Das meiste davon ist zwar seinen geringen Preis wert, aber für verwöhnte Gaumen uninteressant. Ob der Flut des Mittelmaßes übersieht man gerne, dass der Lambrusco eine alte Tradition besitzt und einige Etiketten selbst anspruchsvollen Weinnasen großen Spaß bereiten können. Es muss wirklich nicht immer Bordeaux oder Barolo sein, ab und zu dürfen wir Geldbeutel und Gaumen auch leichtere Kost gönnen… besonders wenn Passendes dazu auf dem Teller liegt. Wessen Vorurteile geringer sind als seine Neugier, könnte mit dem Lambrusco eine lustvolle Entdeckung machen. Die Chance, ins Schwarze zu treffen, steht eins zu fünfzig. Merum hilft Ihnen beim Lust-Gewinnspiel.

„Weil es gefährlich ist!», warnte mich Sandro Cavicchioli. "Ein seriöser Weinjournalist riskiert seinen Ruf, wenn er über Lambrusco schreibt", antwortete mir der Weinmacher auf die Frage, weshalb der Lambrusco von der Weinpresse so konsequent totgeschwiegen würde. Rico Grootveldt, Exportleiter bei Chiarli: "Das Lambrusco-Gebiet ist ein schwarzer Fleck auf der italienischen Weinkarte. Eine Tabuzone. Keiner spricht von Lambrusco, alle scheinen Angst davor zu haben, sich die Finger zu verbrennen."
Lambrusco erzeugt, verkauft und trinkt man. Schweigend, denn zu sagen gibt es wenig darüber; zumindest stimmt das für 98 Prozent der Produktion. Doch die anderen zwei Prozent - vielleicht drei Millionen Flaschen - verdienen Aufmerksamkeit, denn sie schmecken toll, sind mit Liebe und Sorgfalt bereitet, besitzen echte Tradition, sind unnachahmlich; wer sie schätzen gelernt hat, will nicht mehr auf sie verzichten. Diese Lambrusco sind der Rede wert - und der Schreibe.
Es ist nicht alles DOC, was glänzt: Auch wenn in der Regel die DOC-Lambrusco (rund 40 Mio. Flaschen) den IGT qualitativ überlegen sind - siehe auch Hektarhöchsterträge in der Grafik "DOC- und IGT-Lambrusco" - gehören dem elitären Zweiprozentgrüppchen nicht nur DOC, sondern auch IGT-Weine mit Phantasienamen und Spumante auf Lambrusco-Basis an.
DOC gibt dem Käufer zwar Hinweise auf den Ursprung, die Sorten, den Hektarhöchstertrag, aber nicht über die sensorische Qualität. Leider sind nicht nur fast alle IGT-Lambrusco, sondern auch die Mehrzahl der DOC-Lambrusco derart mit Restzucker belastet, dass sie für höhere Ansprüche ungeeignet sind.

Millionenverkäufe ohne Mehrwert und Image
Der Unterschied ist frappant: Ein toskanischer Produzent - selbst wenn er lediglich ein paar Hunderttausend Flaschen erzeugt - ist ein stolzer Unternehmer. Wenn er nicht gerade von einer Präsentation seiner Weine in New York oder Singapur davon abgehalten wird, residiert er in seinem rustikal-komfortablen Büro, meist in sicherer Entfernung von Arbeitslärm und lehmschmutzigen Arbeitsstiefeln. Der Blick auf den Weinberg ist Teil des obligaten Büroinventars. Ins Auge stechen beim Gutsrundgang teure, manchmal prunkvolle Kellerarchitektur sowie gekonntes (ebenfalls teures) Repräsentations-Management mit Luxus-Agriturismo und Swimmingpool für die Gäste.
Das genaue Gegenteil erlebt man in der Emilia. Die Herren über zehn, zwanzig Millionen Flaschen sitzen noch immer in ihren schmucklosen Zementverliesen, die man beim Bau des Kellergebäudes in den Siebzigerjahren mit aufgestellt hatte. Von wenigen Ausnahmen abgesehen - dort nämlich, wo das Investitionskapital nicht aus dem Weinsektor, sondern aus anderen Tätigkeiten stammt -, sind auch die neuesten Investitionen der Lambrusco-Unternehmer sehr bescheidener Natur, jedenfalls gemessen an den von ihnen verschobenen Weinmassen.
Die Marge zwischen Trauben- und Flaschenpreisen ist im Verlauf der letzten Jahre immer dünner geworden. Kam ein Kilo Trauben (Reggiano Lambrusco DOC) vor zehn Jahren noch auf 14 bis 20 Eurocent zu stehen, kosten die selben Trauben heute 35 bis 45 Eurocent. Doch während sich der Traubenpreis mehr als verdoppelt hat, blieb der Eckpreis für IGT-Discountware unverändert bei 60/65 Eurocent die Flasche hängen.
Auch wenn die seriösen Weinhäuser beteuern, dass sie für weniger als ein Euro/Flasche nicht zu liefern imstande seien, gehen große Mengen Lambrusco zu den alten Tiefstpreisen an die Harddiscounter. Nicht die acht Euro oder die vierzehn Franken, für die ein Spitzen-Lambrusco in der Zürcher Önothek oder im Münchner Weinladen verkauft werden, sondern die 60 Cents gewisser Mitbewerber sind die Realität, mit der die seriösen Weinhäuser sich im Markt messen müssen.
Nur weitsichtige Fachhändler investieren mehr als 3,00 Euro in Qualitäts-Lambrusco, den Löwenanteil ihrer Produktion müssen die traditionellen Cantine für weniger als die Hälfte davon den Supermarktketten Italiens, Englands, Deutschlands und der USA überlassen. Und zu diesen Preisen müssen sie gute Qualität, guten Service und einwandfreie Aufmachung liefern, wenn sie sich von den 60-Cents-Abfüllern absetzen wollen.
Am Ende bleibt wenig hängen. Je geringer die Marge aber, desto mehr müssen die Weinhäuser umsetzen. Sie trösten sich damit, die Produktionsmaschine am Laufen zu halten und die fixen Kosten decken zu können. Niemand hat seine Ausgaben so straff im Griff wie die Lambrusco-Erzeuger. Sie wissen bis auf den Cent genau, welche Auswirkung schon die minimalste Preisveränderung auf die Betriebsrechnung hat.
Anselmo Chiarli illustriert die enge Situation mit den Worten: "Wenn wir bei unseren Basisprodukten nur fünf Cent mehr verlangen könnten, verdienten wir wirklich Geld". Aber es sollte doch möglich sein, geringfügig höhere Preise durchzusetzen? «Nein», sagt Chiarli, "Lambrusco wird nicht nur hier in der Emilia, sondern auch in Neapel, in Brescia, in Verona abgefüllt. Das einzige Verkaufsargument auf gewissen Märkten ist der Preis."
Rico Grootveldt, Exportleiter bei Chiarli, ist noch deutlicher: "Es funktioniert alles. Man kann überleben, aber wir können keinerlei Fettpolster ansetzen. Wenn im Keller eine Palette vom Stapler stürzt, muss ich hundert Paletten verkaufen, um den Schaden wieder wettzumachen!"
Die Lambrusco-Produzenten haben es nicht nur satt, immer nur über Preise statt über Wein zu reden, sie hadern auch mit ihrem - mit Verlaub: selbstverschuldeten - Schicksal als Lieferanten eines Getränkes, das im Markt die Funktion von Cola-Ersatz hat. Dass sie zunehmend darunter leiden, als Weinproduzenten nicht ernst genommen zu werden, ist in den Gesprächen deutlich festzustellen. Sie sind gierig auf Rehabilitation, auf ein bisschen Achtung. Sie wünschen sich vom Markt mehr Bereitschaft zur Differenzierung. Sie möchten, dass der Markt ihre Lambrusco in gute und kommerzielle Produkte unterscheidet, dass jemand aufmerksam wird, wenn sie sich ein Spitzenprodukt abringen; auch wenn es Lambrusco heißt.

Was ist mit Chiarli los?
In der Emilia sind die Aufgaben getrennt: Der Winzer erzeugt Trauben, die Cantina Sociale bereitet daraus Wein oder Most und verkauft diese an die Privatkellereien. Letztere erledigen die zweite Gärung und den Verkauf.
In den letzten Jahren verwischte sich die Arbeitsteilung zunehmend. Genossenschaftskellereien bemühen sich um mehr Direktvermarktung - in der Regel über kooperative Vermarktungsstrukturen wie Coltiva oder Riunite - und die Weinhäuser erhöhten den Anteil selbstvinifizierter Grundweine und Moste. Ihre Sonderlinien basieren stets auf eigenem Traubengut.
Sandro Cavicchioli erzeugt die Trauben für seinen Spitzen-Sorbara «Vigna del Cristo» schon seit Jahren selbst, und auch Alberto Medici (Medici Ermete) produziert seinen Renommier-Lambrusco «Concerto» im eigenen Weingut, gleichwohl kommt dem jüngsten Schritt von Anselmo Chiarli Pioniercharakter zu.
Die Familie Chiarli erzeugt seit 140 Jahren Lambrusco. Wie die Tradition das will, kauft Chiarli Grundweine zu, versektet sie und vermarktet die Flaschen; 24 Millionen jährlich sind das mittlerweile. Wenn ein Traditionshaus wie Chiarli, das in der Vergangenheit selbst die eigenen Trauben in fremden Kellern vinifizieren ließ und sich immer strikte auf seine angestammte Arbeit als Versekter und Vermarkter großer Mengen konzentrierte, nun entschließt, für seine Spitzenprodukte in einen großen, technologisch und architektonisch perfekten Vinifikations- und Repräsentationskeller zu investieren, dann hat das Symbolcharakter.
Anselmo beziffert die Nachfrage für Spitzen-Lambrusco aus seinem Haus derzeit mit einer Million Flaschen (4% der Produktion): «Die Nachfrage könnte aber bald mehr werden.» In einem dafür ausgerichteten Keller kann die Qualität von Top-Lambrusco deutlich gesteigert werden.
Kommt noch das Kostenargument hinzu: Chiarlis Abfüllmaschinen in Modena füllen, verkorken, etikettieren und verpacken zehntausend Flaschen pro Stunde. Wenn man einen speziellen Lambrusco-Cru mit solchen Anlagen abfüllen muss, dann verbraucht man die Hälfte davon allein schon dafür, um alle Leitungen zu füllen und ein Vormittag vergeht, um die Maschine für die Abfüllung einzurichten.
Anselmo: «In einem Betrieb wie dem unseren in Modena müssen für jeden Angestellten - vom Nachtportier über den Kellermeister bis zum Buchhalter - jedes Jahr 500 000 Flaschen abgefüllt werden, sonst geht unsere Rechnung nicht auf. Um uns in Ruhe um Nischen-Lambrusco kümmern zu können, müssen wir eigene Voraussetzungen schaffen, vor allem strukturelle. Deshalb diese Investition.»
Mit dem Kellerneubau in Castelvetro macht die Familie Chiarli aber nicht nur sich selbst eine Freude: Die Konkurrenz freut sich mit! Kleinwinzer wie Großversekter äußern sich begeistert über Chiarlis Investition, man ist sich überall im Klaren darüber, dass dies für den Lambrusco einen Hoffnungsschimmer, einen Neuanfang darstellt.
Ein Neuanfang, von dem alle profitieren werden, die am guten Ruf des Lambrusco Interesse haben… nicht zuletzt jene Weinfreunde, die seit jeher an den Lambrusco glaubten!
Auch Cavicchioli meldet Investitionen in Castelvetro an. Der rührige Sandro Cavicchioli, dessen Weinmacherehrgeiz nicht nur in Sorbara-Lambrusco der Topklasse, sondern auch in einem Franciacorta DOCG (Castel Faglia) zur Geltung kommt, will sich nun mit dem Terroir von Castelvetro auseinandersetzen und erwirbt in diesen Wochen ein Weingut in unmittelbarer Nachbarschaft zu Chiarlis neuem Keller. Cavicchioli hat sich einen Musterweinberg für Grasparossa mit Guyot-Erziehung in den Kopf gesetzt.
Auf die Regsamkeit seiner Kollegen angesprochen, ließ Gian Paolo Gavioli, Exportmanager bei Coltiva, durchblicken, dass auch sein Unternehmen bald diesbezügliche Neuigkeiten zu verkünden habe. Das Lambrusco-Land ist in Bewegung geraten.
Wer die Geschicke des Lambrusco mitverfolgt, wird die rapide Qualitätsentwicklung dieses Weines in den letzten paar Jahren bestätigen. Die besten Lambrusco-Etiketten sind nicht nur perfekter, sie sind auch mehr geworden. Neue Weingüter haben sich emporgearbeitet - Zucchi, Corte Manzini, Pederzana, Villa di Corlo, etc. -, und neue Toplinien werden von den Weinhäusern wie von den Genossenschaften entwickelt.
Riunite erzeugt seit einem guten Jahr zwei neue Lambrusco-Linien - Ottocento und Cuvée dei Fondatori -, die besser sind als alles in der Vergangenheit Präsentierte. Mit dieser neuen Qualitätsgeneration platziert sich der Gigant in der vordersten Linie der Lambrusco-Avantgarde. Qualität entsteht bei einem solchen Unternehmen aber nicht einfach aus purem Zufall. Exportchefin Elena Lottici liefert dafür die marktstrategische Begründung: "In Amerika ist der süße Lambrusco ein Einsteigerwein. Dank diesem finden junge Leute überhaupt erst zum Weingenuss. Uns fehlte die nächste Stufe. Mit den neuen Linien füllen wir endlich eine Lücke, die wir im oberen Bereich immer hatten."

Warum Lambrusco ein genialer Wein ist
Der Lambrusco ist in den vergangenen Jahren deutlich besser geworden. Die Topweine wie die Supermarktware. Im Gegensatz zu Weingebieten wie Toskana und Piemont rührt die Qualitätsverbesserung in der Emilia jedoch nicht von massiv reduzierten Stockerträgen, sondern von verbesserter Technik her.
Lambrusco, selbst der in Kleinauflagen erzeugte, ist mindestens so sehr ein Kind der Technologie wie des Terroirs. Vergessen wir für einmal alles Gelernte, wonach der Wein im Rebberg entsteht und umso besser wird, je geringer der Ertrag ist.
Das ist zwar nicht falsch, aber auch nicht in jedem Fall unumgänglich: Die manchmal unökonomisch geringen Hektarerträge von Toskana & Co. waren oftmals unvermeidlich, weil mit Anlagen mit weniger als zweitausend Stöcken pro Hektar (statt fünf- oder sechstausend) hochwertige Qualitätsweine erzeugt werden mussten.
Als zahlenden Weinkunden leuchtet uns aber ein, dass die Kosten umso höher werden, je weniger Trauben pro Hektar geerntet werden. Wer auf gute Weine Wert legt, nicht aber unbedingt auf hohe Preise, wird sich über niedrige Erträge nur dann freuen können, wenn diese wirklich unumgänglich sind, um einen gewünschten Weintyp hervorzubringen.
Beim Lambrusco sieht es anders aus: Lambrusco ergibt gute Weine auch bei Erträgen, wo bei Sangiovese, Nebbiolo, Barbera und Co. längst Banalität und grüne Tannine angesagt sind. Auch hier ist die Qualität der Trauben selbstverständlich wichtig, kein Qualitätswein kann im Keller «erfunden» werden.
Während jedoch bei anderen Sorten der Sortencharakter bei Erträgen über zehn Tonnen unter unverkennbaren Verwässerungs- und Unreifeerscheinungen zu leiden beginnt, bewahrt der aromatische Sorbara beispielsweise, der mitten in der fruchtbaren Po-Ebene gedeiht, selbst bei Hektarerträgen von achtzehn Tonnen noch seine charakteristischen Aromen und seine frische, appetitliche Säure.
Ein Ertrag von achtzehn Tonnen Trauben pro Hektar für die Erzeugung eines Qualitätsweines widerspricht zwar all dem, was wir in den letzten zwanzig Jahren an Weinkunde gelernt haben, aber dem Weinspaß widerspricht das in diesem Falle nicht, auch nicht dem Einkommen der Winzer, am wenigsten dem Budget der Weinfreunde.
Ähnliches gilt für den Lambrusco Reggiano. Auch in der Provinz Reggio lassen sich mit Erträgen bis zu achtzehn Tonnen würdige Erzeugnisse erzielen.
Wer Weine der Art eines Concerto von Medici Ermete erhalten will, braucht dafür allerdings erst mal eine moderne Anlage, da Pergelerziehung die erwünschte Vielschichtigkeit nicht in ausreichender Regelmäßigkeit garantiert.
Aber die zehn Tonnen Trauben pro Hektar braucht man selbst für einen Wein wie den Concerto nicht zu unterschreiten. Giulio Caprari stimmt zu: "Achtzehn Tonnen Ertrag ergeben hier bereits eine gute Traubenqualität mit 85 bis 95 Oechslegraden, mehr wollen wir gar nicht."
Lediglich beim Grasparossa di Castelvetro sind die Erträge geringer. Die Produzenten sprechen von zwölf Tonnen Trauben. In alten Grasparossa-Weinbergen im Hügel beträgt der Hektarertrag oftmals nur knappe acht Tonnen, nicht mehr also als das, was auch für einen Barolo geerntet werden darf. Der «Acino» von Corte Manzini oder die Grasparossa von Pederzana beispielsweise stammen aus solchen Weinbergen.
Das Wundervolle der Emilia ist doch gerade, dass hier der Lambrusco nicht tröpfelt, sondern in Strömen fließt. Wer in der Toskana oder anderswo aus superniedrigen Stockerträgen einen konzentrierten Wein gewinnt, zeigt damit zwar seinen Qualitätsehrgeiz, aber von Genialität zeugt das nicht. Es ist keine Kunst, einen tollen Wein für zwanzig Euro zu machen. Genial ist vielmehr, wenn ein Fünf- oder sechs-Euro-Wein beim Trinken Spaß macht. Solange er spitze schmeckt und seine Authentizität feststeht, ist doch völlig einerlei, dass ein solcher Wein aus einer topfebenen Parzelle und aus Erträgen stammt, die das Doppelte oder Dreifache eines Super tuscans betragen.
Lambrusco ist nicht nur ein genialer Wein, weil er zu bestimmten Speisen und in gewissen Situationen einfach einmalig passt, genial ist vor allem auch, dass selbst die besten Etiketten zu absoluten Freundschaftspreisen erhältlich sind.

Wie kommt Discount-Lambrusco zu seinem Preis?
Wenn 98 Prozent der Lambrusco-Produktion heute nicht für anspruchsvolle Gaumen taugt, dann liegt das sicher an den Trauben selbst (zu hohe Hektarerträge, minderwertige Trauben), manchmal an schlecht gelagerten Wein- und Mostpartien.
Fast immer jedoch liegt sowohl mangelnder als auch hoher Qualität eines Lambrusco eine unternehmerische Entscheidung zu Grunde. Selbst fehlende Qualität ist oft kein Zufall, sondern die direkte Konsequenz einer kurzfristigen Kosten-Nutzen-Rechnung. Voraussetzung für hohe Qualität hingegen - das gilt nicht nur für Lambrusco - sind langfristige Strategien und fast immer auch irrationale Elemente wie Ehrgeiz und Weinliebe des Erzeugers.
Positiv ist, dass sich die Qualität des Lambrusco selbst bei den preisgünstigen Lambrusco in den vergangenen Jahren stark verbessert hat. Die Technologie in den Kellern der meisten Lambrusco-Versekter hat eine Perfektion erreicht, die jeden Zufall und Unfall praktisch ausschließt. Lambrusco ist damit zu einem fast perfekten Industrieprodukt geworden. («Fast», weil das Ausgangsprodukt immer noch ein Naturprodukt und daher nicht standardisierbar ist.)
Wer in Deutschland allerdings eine Flasche Lambrusco für 1,49 Euro aus dem Regal nimmt, muss wissen, dass er dafür nur gerade den Namen «Lambrusco», einen Traubensaft unbestimmter Herkunft und Mostkonzentrat aus Sizilien erhält. Solche Perlweine werden von den Einkäufern des Harddiscounts in Italien für rund 60 Cent erstanden. Flasche, Etikett und Korken inklusive!
Einkäufer, die zu solchen Preisen einkaufen, müssen wissen, dass sie damit Schaden verursachen: Sie bringen die Anbieter in Versuchung, das Gesetz zu missachten, sie blockieren die Qualitätsentwicklung im Herkunftsgebiet, sie tragen aktiv zum schlechten Image des Lambrusco bei, sie behindern durch ihre Dumpingpreise die Verbreitung von kostspieligeren Qualitäts-Lambrusco, und sie prägen beim Konsumenten ein Bild des Lambrusco, das nicht das richtige ist.
Um zu Dumpingpreisen anbieten zu können, werden von gewissen Versektern nicht nur sämtliche Restposten der Cantine Sociali zusammengekehrt, man behilft sich noch anders: Es ist ein offenes Geheimnis, dass mittels eines «Papierkarussells» reichlich Wein von auswärts, man spricht von apulischem Lambrusco, in beliebigen Mengen zu emilianischem IGT-Lambrusco gemacht wird. Für die zweite Gärung und die klebrige Restsüße, die für anspruchslose Gaumen zusammen mit der Kohlensäure die Banalität des Weins vertuschen soll, wird billiges Mostkonzentrat verwendet.
Mit Restsüße und Kohlensäure lässt sich jedes Getränk trinkbar machen. Selbst die schrecklichsten Frizzante, ob Lambrusco oder anders benannt, finden noch ihre Käufer. Solche weinbasierten Getränke kosten in der Herstellung kaum mehr als andere gesüßten Mineralwässer. Dagegen ist nichts einzuwenden, wenn diese Erzeugnisse nicht Namen wie Lambrusco oder Prosecco tragen würden und diese dadurch nachhaltig schädigen.

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