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„Nana” - die berühmte Kurtisane des Malers Edouard Manet - als Nachbarin einer Bordeaux-Degustation in der „Kunststadt” Winterthur.

Wo immer man von der Zürcher Kunst- und Kulturszene spricht, da taucht auch der Name Winterthur auf. Winterthur ist eine traditionelle Industriestadt mit weltbekannten und kunstliebenden Mäzenen, mit 17 Museen und knapp 100.000 Einwohnern.

Nana von Edouard Manet% Leihgabe der Kunsthalle Hamburg

In dieser Stadt präsentiert sich vorübergehend im Museum Oskar Reinhard die berühmte „Nana” auf dem Skandalbild von Edouard Manet, das sonst in der Hamburger Kunsthalle zuhause ist. Etwa 100 Meter davon entfernt, im idyllischen Stadtpark, träumt das „Barockhüsli” (Barockhäuschen), meist kaum beachtet, still vor sich hin.

In diesem im Baum- und Rebenumwachsenen „Lusthäuschen” versammeln sich 16 Neugierige, die das Bordelais sinnlich erleben möchten. „Lernt das Land von Bordeaux kennen!”

Wer jetzt einen der üblichen Degustations-Berichte erwartet, der kann sich eine Enttäuschung ersparen, wenn er nicht mehr weiterliest. Die „Nachbarin” Nana hat mich beflügelt, ein paar berühmte Weine berühmten Bildern zuzuordnen. Zwanzig Gewächse aus dem Bordelais standen zur Verfügung. Die Degustations- „Nana” war „Cheval blanc” 1992 - schon sehe ich die Bordeaux-Liebhaber ihre Nasen rümpfen: ein schlechter Jahrgang! Ein Skandal! Dieser Wein sollte der großartigen Nana würdig sein? Parker gibt „nur” gerade 77 Punkte, Bettane immerhin 8 von 10 und Gabriel hat ihn auf magere 14 von 20 zurückgestuft: „Macht als schlanker Wein noch verhaltene Freude”. Ich nehme einen Schluck - in mir entwickelt sich eine Wut. 1877 wollte Manet „Nana” im berühmten „Salon” von Paris ausstellen, wurde aber von den Herren der Jury abgewiesen - aus ästhetischen und moralischen Gründen.

"Barockhüsli" im Stadtgarten von Winterthur

Auch „Cheval blanc” 92 wird von der „hohen Gilde” der reinen Weinkunst abgewiesen:. „eines Premier Grand Cru nicht würdig!”, meint René Gabriel. Was ich da im Glas habe, ist aber „nanisch” - das heißt: „eine Dame von gesellschaftlicher Relevanz. Es mag sein, dass sie „nur ein dünnes Weinrot” zeigt, „nur” duftig, delikat und fein ist - und dass der „Druck fehlt”. Doch die Dame ist verführerisch, vielleicht leicht verlebt, aber attraktiv, nicht nur auf Grund ihrer Herkunft. Nein, weil sie jenen Genuss bietet, den die feine Gesellschaft zwar entrüstet ablehnt, dann aber doch sinnlich gern genießt.

Die Eigenschaft „damenhaft” wird im Bordelais eher den Weinen aus Margaux zugeordnet. Für mich ist es diesmal St-Emilion. Doch eine andere „Dame” von Manet, die sonst ein paar hundert Meter weiter entfernt in der „Villa Flora” residiert, leistet jetzt der „Nana” Gesellschaft. Es ist die „Amazone” ebenfalls eine Vertreterin des Pariser „fin du siècle”. Eine vornehme Erscheinung, in einem dunkeln, fast schwarzen Anzug, mit schwarzem Zylinder, ernsten, aber weichen Zügen, streng, gesittet, kraftvoll, doch leicht frivol. Sie steht in einem dimensionslosen Raum, vor hellblauem, flockig gemaltem Hintergrund. Dies erinnert mich an den Montrose 1994, der etwas von der Anmut der Dame hat, leicht reserviert und unzugänglich, aber doch kraftvoll und eigenwillig. Sogar die lichten, durchschimmernden, breiten Pinselstriche im Hintergrund glaube ich im Wein wieder zu erkennen.

Präsentation der Bordeaux-Degustation

Nun geht meine Phantasie ganz auf Kunstreisen. Pavillon Rouge, 1996 - der Zweitwein von Margaux - der dem großartigen Margaux nicht allzu viel nachsteht - beschreibt das Milieu der „Nana”, die eben im Begriff ist, sich zu schminken. Zweideutig-eindeutig vor dem Spiegel, in ihrem durchschimmernden Négligé, mit dem rechts auf dem Sofa sitzenden noblen Herrn in vornehmer Pose mit einem Spazierstock in der Hand. Das ist doch Pavillon Rouge, mit dem sich rasch entfaltenden, etwas süßlichen Bouquet und den delikaten Aromen. Da sind wir eingedrungen ins Boudoir der leicht frivolen Dame. Und der Herr rechts im Bild? Nur angeschnitten: Palmer 1994, allein schon die schwarze Etikette passt zu ihm. Etwas schwerfällig, konzentriert wirkt auch der Wein, Konturen nur angedeutet, doch ein Reichtum und eine Kraft im Gaumen.

Ganz im Gegensatz dazu Angélus 1986, voll ausgereift, ein reichhaltiger „alter Bordeaux”. Er erinnert wenig an einen süßen Barockengel, sondern eher an den strafenden Erzengel - zum Beispiel an Gabriel. Und damit passt er viel eher zum abwesenden „Kreidefelsen auf Rügen” von Caspar David Friedrich, ein Meisterwerk, das für ein paar Monate nach Essen und Hamburg ausgeliehen wurde, gegen die schöne „Nana”.

Da schließt sich ein Kreis: Gabriel, ich meine nicht den Engel, sondern der Schweizer Weinkritiker, passt eben so gar nicht zur „Nana” und ihrer Pariser Verderbtheit. Gabriel ist eben da um zu richten!

Herzlich

Ihr/Euer

Peter (Züllig)

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