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Wenn doch nur die Loire nicht so weit weg wäre! Egal, ob ich von Zürich aus anreise oder den Trip ab Köln buche, immer bin ich einen dreiviertel Tag unterwegs. Muss mich von einer gestressten Swissport-Dame am Zürcher Flughafen anmotzen lassen (warum dauert der Check-in bei Air Berlin nie länger als eine Minute, während ich mir bei Lufthansa und Swiss die Beine in den Bauch stehe?) und kriege beim Warten auf den TGV am Pariser Flughafen nur grauenvollen Kaffee zu trinken (weshalb haben die Italiener den Franzosen nie das Geheimnis der Cappuccino-Zubereitung verraten?). Zum Glück entschädigen die Loire-Weine immer wieder für die Reise-Unbill. Wohin man schaut, spannende Tröpfchen, die in Deutschland viel zu unbekannt sind, seitdem Sancerre und Muscadet in den Neunzigern außer Mode gerieten. Mineralische Savennières, zahllose edelsüße Vouvrays, markante Rote aus der Cabernet-franc-Rebe. Apropos rot: Angeblich haben einige Winzer einen Berater engagiert, der ihnen helfen soll, diese oft etwas unzugänglichen Gewächse runder und fruchtiger zu gestalten. Aber warum eigentlich, wo doch nichts Besseres zur Andouillette mit Senfsauce und Bratkartoffeln existiert als ein klassischer, nach Paprika duftender Chinon, Saumur-Champigny oder Anjou?
Cathedrale Remuage Bougies

Genau so einer in seiner allerbesten Ausführung – der 2000er Anjou Nonpareils – wurde auch beim festlichen Abendessen der Crémant-Kellerei Bouvet-Ladubay gereicht. Das Unternehmen, weltweit bekannt für wirklich feinen Schaumwein – ich liebe den knackigen, beinah undosierten Zéro oder den in Deutschland nur in Magnums erhältlichen Instinct –, hat sich auch für stillen Rotwein einen Namen gemacht. Doch eine Feierlichkeit in Saumur, wo die mittlerweile nach Indien verkaufte Schaumwein-Dynastie ihren Sitz hat, wäre unvollständig ohne das typisch französische Trio aus ausgedehntem Aperitif, Stopfleber und netten Ansprachen. Damit hatte der Abend im prächtig hergerichteten und ausgeleuchteten Keller begonnen, und anschließend hätte er in gepflegte Langeweile abdriften können. Man kennt das ja von offiziellen Abendessen für 100 und mehr Leute. Die Qualität der Kost ist fast immer so lala, der Caterer serviert oft notgedrungen Vorgefertigtes, das schnell und manchmal unpräzise im Konvektomaten auf Temperatur gebracht wird. Irgendwann sind auch die Gesprächsthemen am Tisch ausgegangen, und spätestens gegen 22 Uhr sehnt man nur noch das Ende der Veranstaltung herbei.
Bouvet-Ladubay

Doch so einfach hatte sich Patrice Monmousseau die Sache nicht gemacht. Der „Geist von Bouvet-Ladubay“, wie ihn die Übersetzerin nannte, im wahren Leben CEO und Ideengeber der Firma, hatte sich etwas ausgedacht, um das Publikum erst gar nicht in Lethargie verfallen zu lassen. Kaum war die Foie gras abgetragen, kaum hatte man sich das erste Mal zugeprostet, setzte Musik ein, erklommen vier leicht gekleidete Tänzerinnen die Bühne. An Barriquefässer gelehnt, räkelten sie sich ein bisschen hin, ein bisschen her. Striptease konnte man diese Showeinlage kaum nennen, denn die Hüllen fielen nicht. Dennoch löste das unerwartete Geschehen allerlei hektische Reaktionen aus. Die anwesenden Journalisten erwachten aus dem Viertelschlaf und griffen eiligst zu den vorhandenen Kameras, der soeben noch versonnen kauende deutsche Sommelier versuchte eifrig, den Abstand zwischen sich und der Bühne auf das absolute Minimum zu verkürzen. Ein aus Irland angereistes Pärchen gereiften Alters dagegen, angeblich im Weinimportbusiness beschäftigt, ignorierte die Show, begann schließlich eine Diskussion mit dem Gastgeber (ich meinte, den Begriff Familienwerte zu hören) und verließ schließlich erzürnt die Kellergewölbe. Und ich? Ja, ich gebe zu, ich blieb bis zum Schluss. Erstens fand ich die Show nicht familiengefährdend, und zweitens freute ich mich viel zu sehr auf das angekündigte Dessert namens Omelette norvégienne (mit klassischen Desserts kennen sie sich aus, die Franzosen!) und den dazu servierten Schaumwein namens Trésor rosé.
Strip bei Bouvet-Ladubay

War sonst noch was Berichtenswertes auf meinem Loire-Trip? Oh ja. Zum Beispiel das Erlebnis mit der kreativen Küche. Die wurde mir im Favre d’Anne serviert, dem soeben mit einem Michelinstern ausgezeichneten Vorzeige-Restaurant von Angers. Hierbei handele es sich um eines der experimentierfreudigsten Lokale der Stadt, vielleicht sogar der ganzen Loire, raunte man mir auf dem Hinweg zu. Ein kreativer Koch gibt sich bekanntlich immer schon dadurch zu erkennen, dass er keine weiße, sondern eine grüne (wahlweise: eine rote, graue oder schwarze) Montur trägt und a) entweder reichlich Schäume, b) molekulare Spielereien wie heißes Gelee oder c) viel nicht-süßes Eis servieren lässt. Monsieur Favre d’Anne hatte sich für Grün und die letzte Koch-Variante entschieden – er verblüffte mehrfach durch geeiste Überraschungen. An ein gutes, aber sehr mächtiges glace à la beurre blanc kann ich mich erinnern, auch der exzellent gegarte Steinbutt haftet im Gedächtnis. Präsent wie beim ersten Schluck bleibt der unglaublich mineralische Sauvignon blanc von Didier Dagueneau, den meine beiden Tischgefährten und ich bestellten. Es handelte sich zwar „nur“ um den Einsteigerwein des neben Nicolas Joly legendärsten Loire-Winzers, aber der konnte sowohl mit Fisch als auch mit dem gebutterten Eis locker mithalten. Im Nu war die Flasche leer. Doch als wir eine neue ordern wollten, bedauerte der Sommelier. Es sei keine zweite mehr da. Aber warum denn nicht? Nun, ganz einfach, so der leitende Servicemitarbeiter mit treuherzigem Augenaufschlag: „Der Winzer ist gestorben.“ Na, seien wir ehrlich: Auch wegen solcher Einfälle, eine mangelhafte Vorratshaltung zu kaschieren, ist eine Reise in die französische Provinz immer wieder ein Erlebnis.
Entree des caves

PS: Ob der Export von Bouvet-Ladubay-Schaumwein nach Irland infolge der zuvor geschilderten Ereignisse Schaden nimmt, konnte bislang nicht in Erfahrung gebracht werden. Falls ja: Alles nach Deutschland damit!

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