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Uralte Sammelstücke% die ihren „Wert” erst preisgeben% wenn sie geöffnet und getrunken werden
Sammler sind ein seltsames Völkchen, meist leicht „Verrückte”, wie man immer wieder - nicht ganz zu Unrecht - feststellen kann. Gesammelt wird schlichtweg alles: Münzen, Briefmarken, Bilder, Kunst, Telefonkarten, Puppen, Bücher, Zeitungen, Teddybären, Schallplatten, Möbel, Autogramme, Fotos, Ansichtskarten, ... natürlich auch Weinetiketten, leere Weinflaschen, Weinkritiken, Korken, Kronverschlüsse, ... Weil ich ein bekennender Sammler und Weinliebhaber bin, sammle ich eben schlicht und einfach Wein.

Wer nicht von irgendeiner Sammelleidenschaft befallen ist, der schüttelt den Kopf und fragt: „Trinkst du sie auch, deine Sammlung?” Ja, ich trinke sie und „vernichte” damit etwas, was ich mit Begeisterung in vielen Stunden, oft mit großen Anstrengungen zusammengetragen habe. „Echte” Sammler werden da bleich, sie geben ihre „Prunkstücke” nicht her, nur der Weinsammler muss sie - irgendwann - hergeben. Wenn er ein echter Sammler ist, wird er seine Weine nicht verkaufen, verschenken oder in eine andere Sammlung integrieren. Nein, er wird sie vernichten, das heißt trinken, und damit das Sammelgut der eigentlichen Bestimmung zuführen: dem Genuss. Erst wenn der Wein getrunken ist, kennt der Sammler sein Objekt auch wirklich, so wie er es eben schon immer kennen und lieben wollte.

Ich weiß, Nichtsammler haben dafür wenig Verständnis. Für sie sind Sammlungen eine Anhäufung von Gegenständen, ein Streben nach Besitz, oft auch eine fragwürdige Kapitalanlage. Nur die allerwenigsten Sammlungen lassen sich verkaufen und - noch weniger - gewinnbringend verkaufen. Zwar steigt der Wert meist mit dem Alter, dem Seltener-Werden, der gesteigerten Nachfrage und der Unwiederbringlichkeit. Doch dies bleibt in den allermeisten Fällen nur ein Papierwert, mehr nicht.

Beim Wein ist es nicht viel anders. Es gibt zwar eine Kategorie von Weinen, die zirkulieren nach vielen Jahren noch auf dem Markt und werden - je nach Nachfrage - auch immer kostbarer und teurer. Damit sind sie auch eine Verlockung, nicht getrunken, sondern in bares Geld umgesetzt zu werden. Ein „echter” Weinsammler widersteht dieser Verlockung - bestenfalls „verscherbeln” seine Nachkommen das geerbte Gut. Ab und zu mit beachtlichem Gewinn, häufiger noch mit herber Enttäuschung.

Schlechte Jahrgänge% trotzdem wertvoll: Das Beste in meinem Geburtsjahr und dem meiner Tochter


Ob sich aus einer Sammlung oder aus ihren Einzelstücken Geld machen lässt, ist schwer zu kalkulieren. Dies geht sicher nicht ohne profunde Kenntnisse, ohne den richtigen „Riecher” und - es ist das allerschwierigste - die Bereitschaft, das von andern begehrte Objekt im richtigen Augenblick loszulassen.

Bei mir trifft vieles davon nicht zu. Die Kenntnisse habe ich mir in den vielen Jahren Sammlerleidenschaft so langsam angeeignet. Der richtige „Riecher” ist bei mir eher dem Toto-Glück vergleichbar, und das Loslassen beherrsche ich nur in einer Richtung: zum eigenen Gaumen. So bin ich eigentlich ungewollt zum sogenannten „echten” Sammler geworden. Ich sammle - es sei hier nicht verschwiegen - Weine aus dem Bordelais. Ja, ich bin Bordeaux-Sammler.

Jetzt, angesichts der Preise für die hochdotierten Weine, werde ich fast täglich auf die „hohen Werte” angesprochen. Tatsächlich haben einige Flaschen, die ich einst „günstig” erstanden habe, heute fast schon einen „unmoralischen” Luxuswert. Was mache ich mit einem Pétrus, den ich vor vielen Jahren noch für 100, 200 Franken gekauft habe, für den aber jetzt an Auktionen 5.000 und mehr Franken geboten werden? Bei guter Gelegenheit ohne Scheu trinken - mit dem Gedanken im „Hinterkopf”, mit jedem Schluck ein paar hundert Franken zu "genießen"? Oder - noch weit schwieriger - die Tatsache dauernd zu verdrängen, einen happigen Gewinn endgültig zu verpassen, selbst wenn das Argument als Entschuldigung auftaucht, mit dem Erlös eben neue, interessante, noch bessere Weine kaufen zu können.

Solche und ähnliche Gedanken sind mir fremd. Nicht weil ich ein „besserer” Mensch, ein versessener Weinliebhaber bin, nein, weil ich ein Sammler bin. Der Sammler hat oft andere Wertordnungen. Was für die einen gänzlich unnütz, Abfall, bestenfalls Tand und ein Kuriosum ist, das ist für den Sammler nicht nur wertvoll, sondern immer wieder ein Ziel seiner Begierde. Der Sammler ist auch ein Jäger, und er lässt sich seine Jagdleidenschaft mehr kosten als er für anerkannt Wertvolles auszugeben bereit ist. Unbegreiflich?

Ich habe mir lange überlegt, was denn meine Sammelleidenschaft - meist ohne dass ich mir dessen bewusst bin - nährt und am Leben erhält. Da ist einmal der Status des „Experten”, den ich mir - als Sammler - ungewollt erworben habe, indem ich in allen Bereichen meines Sammelgebiets jedem kleinsten Detail nachgehe und unter „Gleichgesinnten” Wissen und Erfahrung austausche.

Grenzen einer Sammlung: scheinbar unnütze Ware stapelt sich
Nicht nur der Gegenstand selber wird erkundet, sondern das ganz Umfeld erforscht und wenn möglich mitgesammelt. Der Sammler legt auch Datenbanken an, lernt Fälschungen erkennen und weiß über die Verfügbarkeit jederzeit Bescheid. Kurzum: bald einmal weiß er mehr als viele andere.

Vielleicht ist Sammeln aber auch eine Flucht. Die Flucht aus unserer komplizierten Welt, in einen überschaubaren Bereich mit eigenen Gesetzen und Wertmaßstäben, in eine Welt, wo Gleichgesinnte unter sich sind. Sicher ist es auch das Festhalten an Vergänglichem. Für den Weinliebhaber, bei dem seine große Liebe erst im Augenblick der Vergänglichkeit Erfüllung findet, hat eine Sammlung etwas Tröstliches, etwas, das über die Endlichkeit hinwegtäuscht. Dann ist immer noch die Hoffnung da, Hoffnung auf „Vollständigkeit”. Vollständigkeit statt Vollkommenheit. Die Vollständigkeit wird angestrebt, immer wieder, erreicht wird sie nie. Und trotzdem ist sie konkreter als die Vollkommenheit; sie steht oder liegt in Reih und Glied, sie präsentiert sich als weltlicher Besitz.

So können auch Erfahrungen gesammelt werden. Sie füllen Bücher, Tabellen, Listen, aber auch nur die Erinnerung oder das Arsenal der vergessenen Dinge.

Doch sie sind belehrbar, ergänzungsfähig, sogar austauschbar und halten den Sammler dauernd auf Trab. All dies - und noch einiges mehr - sammelt der Sammler zusammen mit seinen gesammelten Gegenständen. Bei mir sind es Flaschen aus Bordeaux. Bei andern aus dem Burgund, aus Italien, aus Spanien..... Bei wiederum andern sind es „nur” die Etiketten, die Korken, die Beurteilungen. Eines ist sicher: ein Sammler „tickt” anders, ein Sammler ist ein Jäger, ein Sammler kann von Nichtsammlern kaum verstanden werden, schon gar nicht in Bezug auf seine Wertvorstellungen. Da helfen auch Preislisten und Auktionskataloge wenig.

Es gibt auch Zeiten, wo ich diese Sammelleidenschaft als etwas empfinde, „das Leiden schafft”. Zum Beispiel, wenn Preise - nur weil es Sammler gibt - ins „Unbezahlbare” klettern, wenn der Platz auf den Regalen, im Haus oder im Keller fehlt. Wenn mir das Unmögliche bewusst wird, , Vollständigkeit zu erreichen, oder wenn ich die Endlichkeit des Lebens so richtig spüre. Zum Beispiel, wenn ein Wein - laut Beurteilung der Fassprobe - erst im Jahr 2040 und später trinkreif wird, und ich mit tödlicher Sicherheit auch weiß, dass ich dies nie erleben werde. Einziger Trost ist dann, dass das, was ich einst gesammelt habe, erst jetzt höchsten Genuss bringen kann. Übrigens: Ich sammle nicht nur Weine, sondern auch ... Doch lassen wir das. Ich bin eben ein Sammler, auch von Weinerlebnissen, die jetzt zu Kolumnen mutieren.

Herzlich
Ihr/Euer
Peter (Züllig)

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