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Journalisten müssen sich äußern, von Berufs wegen, auch wenn sie vielleicht nur ein eingeschränktes Bild von dem haben, worüber sie gerade schreiben oder reden. Robert Parkers legendärer Verriss des deutschen Spätburgunders ist ein treffendes Beispiel für diese grassierende Berufskrankheit. Offenbar hatte der Punkteguru, oder sein Mitarbeiter, beim Verfassen seines letzten  Buches „Parkers Weinguide” (2003) keinen blassen Schimmer. Dabei hätte er Zeit genug gehabt sich mit dem Thema zu beschäftigen. Deutsche Spätburgunder mit erstaunlichem Niveau gibt es nämlich spätestens seit 1990. Und sie waren nicht mal wirklich selten, wie eine ungewöhnliche Vergleichsverkostung in Liel im Markgräflerland ergab.

 

Fünfzehn Jahre alte Weine bekommt man aus Bordeaux, Rioja und Tokai ohne Probleme. Fünfzehn Jahre alte Spätburgunder aufzutreiben ist dagegen schon ein kleines Kunststück. Sigbert Hiss, Weinfachberater aus Liel, der zur Zeit in der Nähe von London lebt, hat sich aufgemacht, dieses Kunststück zu vollbringen. Das Ergebnis waren 24 Spät- und ein Frühburgunder aus dem Jahrgang 1990, alle aus Deutschland, die meisten aus Baden. Die Flaschen waren alle in hervorragendem Zustand. Sie kamen direkt aus den Archiven der Weingüter oder aus gut gepflegten Kellern, wie dem des Hotel Bareiss in Baiersbronn.

 

Schon der erste Flight, mit dem Arbeitstitel „Winzergenossenschaften und unbekannte Weingüter”, überraschte die Runde der Tester - die übrigens klein war, aber um so hochkarätiger besetzt: Marcus Hofschuster, Chefverkoster von Wein Plus, Jürgen von der Mark, selbständiger Önologe und Master of Wine, Zsolt Pekker, Redakteur der Nase des Markgrafen, Michael Schmidt aus London, ebenfalls Journalist und Mitarbeiter des Wine Report sowie Jürgen Dietsche, Weinkenner und ‑liebhaber aus Bad Krozingen. Gleich der erste Wein, eine Waldulmer Pfarrberg Spätlese vom Weingut Benz war sehr reif und im Rentenalter angekommen, aber doch besser als der Arbeitstitel erwarten lies. Etwas besser stand da der Gottenheimer Kirchberg vom Weingut Stefan Hess da, mit etwas mehr Restzucker, der ihm seine Rente etwas versüßte.

 

Weit besser als sein Ruf - Der deutsche Spätburgunder

 

Ähnliches und Besseres tauchte im späteren Verlauf viel öfter auf, als die versammelten Experten sich hätten träumen lassen. „Ich hätte nicht gedacht, dass nach fünfzehn Jahren noch so viele, nicht nur trinkbare, sondern ausgesprochen klasse Weine dabeisein würden”, sagte Sigbert Hiss. Natürlich gab es auch solche, die inzwischen stark abgebaut hatten. Die Spätlese vom Burkheimer Feuerberg (Weingut Bercher), der Tafelwein aus dem kleinen Eichenfaß von Salwey oder ein QbA aus der Magnumflasche vom Weinhaus Heger hatten ihre beste Zeit schon seit längerem hinter sich.

 

Einige der Weine ließen der Nase nach auf ähnlich abgelebten Zustand schließen, verblüfften aber am Gaumen mit intakter Struktur, Dichte und sogar kräftigen Fruchtaromen. So etwa die Auslese vom Burkheimer Feuerberg von Bercher, oder der Tafelwein R vom Weingut Rebholz, der sich durch eine sehr gute Balance auszeichnete.

 

Zwei Serien mit insgesamt 10 Weinen waren dem Kaiserstuhl gewidmet. In dieser Runde machte eine Spätlese vom Weingut Schneider (Endingen) den besten Eindruck. Die Weine wurden übrigens blind verkostet, erst nach der Diskussion der einzelnen Flights wurden die Namen der Ansteller aufgedeckt. Gemeinschaftspunkte wurden keine vergeben. Der Konsens war aber im Fall Schneider einstimmig.

 

Zu einer heftigen Kontroverse kam es über den QbA „R” von Huber, der als einziger Breisgauer im zweiten Kaiserstühler Flight gelandet war. Der Wein präsentierte sich in tiefem Blauschwarz, mit sehr kräftigem Bukett, das die einen mit dunklen Früchten, Anis, Cassis und Holunder, die anderen mit aufdringlicher schwarzer Johannisbeerblüte und Deftigerem beschrieben. Am Gaumen präsentierte er sich mit ähnlicher Aromatik wie in der Nase - jeweils in gegensätzlicher Interpretation. Weitgehend Einigkeit herrschte über zwei Punkte: Dieser Wein, dem man die Jahre überhaupt nicht anmerkte, war der frischeste im Flight; für einen Spätburgunder zeigte er aber eine eher untypische Aromatik. Allerdings wies Sigbert Hiss darauf hin, dass Spätburgunder aus bestimmten Lagen - zum Beispiel vom Assmannshäuser Höllenberg im Rheingau- sehr oft einen Cassisnote aufweisen, diese also gar nicht so untypisch für die Rebsorte ist. In der 90er Probe fand sich diese Geschmacksrichtung noch deutlich bei zwei weiteren Weinen, den Auslesen von Marget und Kühling-Gillot.

 

Michael Schmidt verhängte trotzdem über den Huber ein „Einfuhrverbot” für London. „Die Engländer kennen den deutschen Spätburgunder zu wenig; ein so untypischer Wein würde zu viel Verwirrung verursachen”, erklärte er sein Diktum mit einem Augenzwinkern. Sigbert Hiss hat es sich zur Aufgabe gemacht, den deutschen Wein im allgemeinen und den Spätburgunder im besonderen auch im Vereinigten Königreich bekannter zu machen. Dort soll diese Probe unter Beteiligung des „Wine Reporters” Schmidt  & namhaften Journalisten, in Kürze wiederholt werden.

 

Eine weitere Überraschung des Nachmittags war der innerbadische Vergleich zwischen Markgräflerland und Kaiserstuhl. Da alle Weine während der ganzen Probe zur Nachverkostung zur Verfügung standen, wurde er mit großem Aufwand betrieben - eine halbe Stunde nahmen sich die Verkoster allein für die Gegenüberstellung der drei oder vier interessantesten Weine der beiden Regionen. Insgesamt war die Runde fast fünf Stunden mit den Weinen und ihrer intensiven Diskussion beschäftigt und konnten dabei auch die Entwicklung der Weine in den offenen Flaschen und im Glas in ihr Urteil einbeziehen.

 

Von den sechs Markgräfler Weinen beeindruckten eine Kirchberg Auslese von Soder (Istein), eine Auslese aus dem Hügelheimer Höllberg von Marget und eine Müllheimer Pfaffenstück Auslese von Dörflinger am meisten. Die Weine präsentierten sich gereift, aber voll auf der Höhe, mit typischer Pinot-Aromatik und schöner Struktur. Für einen Teil der Juroren standen sie mit dem besten Kaiserstühler auf Augenhöhe, für die anderen - etwa den Franken Hofschuster - hatten die Markgräfler die Nase sogar deutlich vorn. Jürgen von der Mark lieferte die mögliche Erklärung: „Daran sieht man, dass der Kaiserstuhl für Pinot gar nicht so ideal ist. In einem extrem heißem Jahr wie 1990 wird es auf den steinigen Böden schnell zu trocken und zu heiß. Das kühlere, feuchtere Markgräflerland bietet der Rebe dann die besseren Voraussetzungen.”

 

Auch bei den Markgräflern gab es einen Wein, an dem die Diskussion entbrannte. Die Hügelheimer Höllberg Auslese von Emil Marget fanden die einen grandios, die anderen - weil sehr untypisch - jenseits von Gut und Böse. Was den einen aufdringliche Siruparomen, waren den anderen fulminante Fruchtnoten gepaart mit Eleganz. Konsens herrschte wieder über die mangelnde Typizität; der Wein erinnerte eher an  Cabernet als an Pinot. Jürgen von der Mark fand eine prägnante Beschreibung: „In diesem Wein kommt die Dekadenz des Jahrgangs 1990 zum Ausdruck - und das ist doch wunderbar! Warum soll der Winzer nicht umsetzen, was ihm der Jahrgang bietet?”

 

Dass der letzte Flight aber auch die besten Badener - welche man auch immer vorn sah - übertraf, lag vor allem an den beiden Weinen von Fürst. Seine Spät- und Frühburgunder, letzterer vom Centgrafenberg, waren sicherlich die besten Weine der ganzen Runde. Der Spätburgunder verband ledrig-animalische Düfte mit Gemüsearomen, präsentierte sich am Gaumen frisch und mit perfekter Struktur. Der Frühburgunder kam etwas kantiger daher, sehr animalischen, anfangs mit käsigen & pilzigen Aromen und einem leicht salzigen Abgang. Michael Schmidt war begeistert: „Hier zeigt sich, dass der schwierige Frühburgunder, wenn er von einem Könner bearbeitet wird, dem Pinot noir ebenbürtig sein kann. Vor allem auf sehr mineralischen Böden kann er seine besonderen Stärken ausspielen.”  Nehezu auf Augenhöhe präsentierte sich ein Wein, der wohl mit für die größte Überraschung bei den Meisten Teilnehmern sorgte: die Auslese von Kühling-Gillot machte deutlich, dass auch Rheinhessen ein Wörtchen mitreden kann, wenn es um die besten und langlebigsten Spätburgunder Deutschlands geht.

 

Obwohl die Verkoster ohne Ausnahme als Kenner und Freunde des deutschen Spätburgunders bezeichnet werden können, waren sie doch alle überrascht, zu welchem Niveau es viele deutsche Winzer schon im Jahr 1990 gebracht hatten. Selbst einigen der überalterten, schon weitgehend oxidierten Weine war anzumerken, daß sie deutlich bessere Tage gesehen hatten. Ein Pinot noir, so fanden alle, war ja an sich nicht für die Weinewigkeit gemacht, und fünfzehn Jahre sind für diese Sorte selbst im Burgund ein stolzes Alter. „Vor allem aber muss man bedenken, dass die Winzer damals ja noch am Anfang ihrer Qualitätsentwicklung standen”, betonte Marcus Hofschuster. „Seitdem haben sie nochmal enorm zugelegt und sind noch sehr viel besser geworden.” Vielleicht wird sich das im Laufe des 21. Jahrhunderts auch bis Amerika herumsprechen.

 

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