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Der Titel ist nicht ganz neu, er stammt auch nicht von mir. In Zusammenhang mit Bordeaux 2009 bin ich ihm auf einer Wein-Website begegnet. Der passionierte Winzer und Blogger Dirk Würz fasst zusammen: „…was in den letzten Jahren in Sachen Preistreiberei [beim Bordeaux] passiert, ist schon ziemlich heftig. Jetzt gibt es einen neuen Höhepunkt in dieser Entwicklung…. Geld spielt da keine Rolle, Qualität so oder so nicht. Es geht nur um das Image der Marke….“ Schon öfters habe ich über den „Bordeaux-Wahnsinn“ geschrieben, noch häufiger darüber nachgedacht. Die Erklärungen für die – aus der Sicht des Weinliebhabers – unerfreuliche Situation wurden längst formuliert, die Argumente ausgetauscht. Was soll man tun? Kopfschütteln, resignieren, sich abwenden?

"In diesen heiligen Hallen ..." - Fasslager auf Château Lafite Rothschild in Pauillac

Trost gibt es von allen Seiten: direkt aus dem Bordelais, in Weinpublikationen, von Weinhändlern und -kritikern. Er liegt für den leidgeplagten Bordeauxtrinker „bei jenen Weinen, die den vielen unerschwinglichen 'Kultweinen' in der Qualität nichts oder wenig nachstehen. Sie sind zwar auch wieder etwas teurer. Doch da soll man nicht über den Preis lamentieren, sondern sich an der Qualität erfreuen“.

Warum kommt dieser „Trost“ bei mir nicht an? Warum kann er meinen „Abschied von Bordeaux“ nicht aufhalten? Warum freue ich mich nicht, dass mir „die Gnade der frühen Geburt“ einen Bordeaux-Keller beschert hat, der heute das x-fache an Wert hat? Warum?

Ganz einfach weil die Bordeaux – wie viele anderen Weine – für mich ein Teil meines Lebens sind: meines Alltags, meines Interesses, meiner schönen, aber auch leidvollen Stunden, meiner Sehnsüchte, meiner Wünsche, meines Zusammenseins und Genießens mit Freunden. Und da hat – unabhängig ob ich es mir leisten kann oder will – eine Flasche Wein, die 1000 oder gar 10000 Franken kostet (der Inhalt mag noch so genussvoll und einmalig sein) ganz einfach keinen Platz.

Überlebende aus dem 19. Jahrhundert: Originalflaschen auf Château Latour

Mein Wertsystem hat eine andere Skala. Luxus, den gönne ich mir sicher auch ab und zu. Längst nicht alles in meinem Leben hat ein günstiges Preis-Leistungsverhältnis. Und jammern mag ich schon gar nicht; jammern, dass ich keine Jacht besitze, wie sie zu Hunderten und Tausenden vor meiner Nase im Hafen liegen; jammern, dass unsere Kleinstwohnung zwar am Meer liegt, aber nur zwei winzige Zimmer hat; jammern, dass ein ältlicher Smart und kein „Infiniti FX“ für Fahrten zur den Weingütern zur Verfügung steht; jammern, dass ich im ganzen Leben nicht mehr Geld verdient habe, um mir die besten Bordeaux 2009 leisten zu können. Bei aller versteckten und nicht eingestandenen Bereitschaft zum Jammern, so geht es nicht! Wein ist für mich – da kann man mir einreden, was man will – ein Produkt der Freude, des Genusses und des Interesses.

Natürlich möchte ich einmal mit einer wunderschönen Jacht zur See fahren; natürlich wäre ich um ein paar Quadratmeter größeres Zimmer froh, wenn mich meine Unordnung fast erdrückt; natürlich wäre eine Fahrt im schnittigen klimatisierten Schlitten angenehmer als im überfüllten TGV; natürlich würde ich heute Abend lieber einen Ausone 2000 (1500 Euro) einschenken, als den „Prieuré de Saint-Jean“ aus Coteaux du Languedoc (22 Euro).

Neugebauter Präsentier-Cave auf Château Pétrus% für den wohl grössten Kultwein im Bordelais

Doch da – bei dieser banalen Feststellung – befallen mich Zweifel. Würde ich wirklich lieber? Bei aller Genuss-Sehnsucht, würde es mir wirklich Spaß machen, an einem Abend – er mag noch so schön, gemütlich und stimmig sein – einen Wein zu trinken, der 1500 und mehr Euro kostet? Einfach so, weil er gut ist, besser als die meisten andern. Es sind nicht die 1478 Euro Preisunterschied, die mich letztlich stören. Könnte ich mir sie leisten, wären sie rasch unter „Genuss“ oder „Unkosten des Lebens“ abgebucht. Nein, dies kann es nicht sein. Ich hatte in meinem Leben schon ganz andere „Unkosten“ abzubuchen. Es muss also irgendwo ganz anders liegen.

Mit einem Mal wird mir klar: es ist die Umkehrung von Werten, die mich so wütend macht, ratlos zurücklässt. Es ist das von der Gesellschaft (auch von uns Weinfreaks) hochgeputschte „µm“ (Mikrometer) Bessersein, mehr Lustpotential bieten, Einmalig-sein, das wir mit Geld erkaufen möchten. Der Betrag spielt weniger eine Rolle, als die Käuflichkeit von Genuss. Auch Wein wird dazu angeboten: überall und möglichst teuer. Selbst im Kaufhaus: Cityshopping in der Galerie Lafayette in Paris, Mouton Rothschild 1945 für 20000 Euro. Ob der Wein um ein paar „µm“ besser ist, weiß ich nicht. Ich habe ihn noch nie getrunken.

Jahrhundertweine auf Château Mouton Rothschild

Was ich hingegen mit Sicherheit weiß: keinem der Käufer dieser oder einer ähnlichen Flasche geht es um die paar „µm“-Lustgewinne. Vielmehr geht es um ganz andere Werte: um soziales Prestige, um Geldanlage, um Spekulation, um die Überzeugung, mit Geld alles kaufen zu können, auch das Gefühl von Freiheit durch unbeschränkten Konsum… Dies alles sind nachvollziehbare Beweggründe, auch für mich.

Sogar die Funktion des Marktes kann ich verstehen, der schnell und heftig reagiert: noch höhere Preise, noch mehr Kult, noch mehr Gewinn… Solange Menschen in diesem System mitmachen, solange funktioniert es… Und sollten sie einmal nicht mehr mitspielen, sind die Gewinne längst in anderen, sichereren Werten angelegt. Was soll's?

Andere Kultbereiche kennen ähnliche Mechanismen: zum Beispiel die Kunst. Ein Bild, einst von einem mittellosen Künstler geschaffen, kann – so der Kult es schafft – dereinst Milliarden kosten. Der Schöpfer des Bildes erlebt dies in den allermeisten Fällen kaum mehr. Was soll's?

Einen ganz kleinen Unterschied gibt es doch: ein Bild, eine Plastik, ein Kunstwerk kann behütet, aufbewahrt, für spätere Generationen aufgehoben werden. Alle, die fortan dem Werk begegnen, können sich damit auseinander setzen, sich daran erfreuen, es bewundern, daran den Zeitgeschmack erkennen und, und, und… Notfalls – sollte es Schaden erleiden, zu sehr altern – wird es fachgerecht restauriert. Nicht so der Kultgegenstand Wein: er trägt die Vergänglichkeit in sich; ist dazu geschaffen konsumiert zu werden. Er ist ein Nahrungsmittel, um - wie jedes Nahrungsmittel – verzehrt, in diesem Fall getrunken zu werden.

Im tiefen Keller% das Fasslager auf Clos Fourtet.

Da liegt doch der Wahnsinn. Nicht in den horrenden Kosten, nicht in der Unerreichbarkeit bestimmter Weine, nicht im Gewinnpoker der Weinmacher. Nein! Vielmehr in der Tatsache, dass wir zulassen, dass ein Lebensmittel (auch wenn es ein Genussmittel ist), zum „goldenen Kalb“ erhoben wird. Dass wir zusehen, wie es der Spekulation, dem Profit, der Hab- und Gewinnsucht schutzlos ausgesetzt wird. Dabei mit schönen Worten, vielen Parker-Punkten und höchsten Ehren den Markt noch anheizen, meist mit ganz geheimen, nie ausgesprochenen Wünschen, selbst einmal bei den Gewinnern zu sein.

Als Bordeaux-Sammler und –Kenner habe auch ich dazu beigetragen, dass aus bestimmten Weinen, dass vielleicht aus den besten Weinen etwas Überirdisches geworden ist. Kaum mehr mit irdischen Mitteln zu bezahlen. Darin liegt mein ungutes Gefühl, da ist der Skandal festzumachen. Es ist eine Wertverschiebung, die alle betrifft, jene, die Wein machen, die Wein in den Handel bringen, die Wein trinken und die Wein genießen.

So hat der Wahnsinn beim Bordeaux 2009 eben doch noch einen anderen Namen. Er heißt: Genuss- oder sagen wir es etwas allgemeiner – Glücksstreben. Glück aber – das wissen wir aus eigener Lebenserfahrung – ist nicht kaufbar, nicht im Handel erhältlich. Auch nicht, wenn der „teuerste Bordeaux aller Zeiten“ wieder einmal angepriesen und zum Kauf angeboten wird.

Herzlich

Ihr/Euer

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