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Paco hatte ja gewarnt. Und normalerweise hält das spanische Wetter, was sein gewichtigster Botschafter tagtäglich in den Dreiuhrnachrichten voraussagt. Anhaltende teilweise sintflutartige Regenfälle waren angesagt - und trafen ein. Auch am nächsten Morgen hatte sich die Lage noch nicht gebessert. Im Gegenteil: der anhaltende Niederschlag begann, den teils sandigen, vor allem aber lehmigen Boden in eine Schlammwüste zu verwandeln. Und ausgerechnet bei diesem Wetter war Los Ceperos angesagt. An der Hotelpforte wartete schon Rafael, der Önologe. Seiner Einladung, nur mit seinem Auto zum Weingut zu fahren, nicht nachzukommen war, wie sich schon bald herausstellen sollte, ein grober Fehler. Denn die Bodega steht auf etwa 1.000 Metern, in einem Pago, welches der Bodega ihren Namen gegeben hat, fernab der Zivilisation und vor allem fernab geteerter Straßen. Lehmpisten führen zum Ziel, oder auch nicht. Mehrmals drohte der Konvoi von zwei anfangs dunkelblauen Autos in der aufgeweichten Erde steckenzubleiben. Wie durch ein Wunder erreichten wir das Ziel, leicht schlittenfahrend und in nun dreckigbraunen Autos, aber ohne bleibende Schäden.

Paraje Los Ceperos mit Weingut im Hintergrund

Bei normalem Wetter ist dies wohl einer der schönsten Flecken der Region. Paraje Ceperos ist eine Hochmulde, von bewaldeten und wildschweinübervölkerten kegelförmigen Bergen umgeben, eine Oase der Stille. Kein Mobiltelephon klingelt, ein Industrielärm, rein gar nichts. Außer Aprikosenhaine, Olivenplantagen und Weinberge ist nicht viel zu sehen. Rafael wohnt normalerweise nicht hier oben, sondern in der nahen Großstadt Murcia, deren südländischer Geräuschpegel das glatte Gegenteil zu der Stille der Bergwelt ist. Während der Ernte kann er das Gästehaus der Eigentümer benutzen, das gleich neben der Bodega steht. Das sei nachts schon ab und an eher unheimlich, gibt er freimütig zu.

Fünfundzwanzig Hektar stehen unter Reben, die Hälfte davon Monastrell, klassischer Kopfschnitt, etwa 30 Jahre alte Stöcke. Den Rest teilen sich Cabernet Sauvignon, Merlot und Syrah sowie eine Miniparzelle Malvasía, alles im Drahtrahmen, alles Cordon de Royat, alles Tropfbewässerung. Für den drahtigen jungen Mann ist es das erste Projekt und auch das erste Jahr als Önologe, das er eigenständig gestalten kann. Zuvor hatte er bei Finca Omblancas in Jumilla gearbeitet, einer relativ neuen Kellerei mit viel französischem Weinverstand. Seine erste Maßnahme war, dafür zu sorgen, dass die Jahrgänge 2004 und 2005 nicht abgefüllt werden, sondern als Offenware verkauft werden. Sein Vorgänger scheint seine Kenntnisse in der Mancha des ausgehenden 16. Jahrhunderts erworben zu haben. Denn all die verkosteten Flaschenweine der Jahr 2003, 2002 und 2001 waren so dermaßen altmodisch, dass eine Beschreibung schier unmöglich ist. Einzig ein Wein aus dem Jahr 1999, der erste der Bodega, war interessant. Er präsentierte sich wesentlich lebendiger als alles andere zusammen. Mit den alten Ideen werden auch gleich die alten Barricas entsorgt und durch neue, 300 Liter fassende Fässer ersetzt. Amerikanische Eiche kommt nicht durch die Tür und das in fast ganz Spanien obligatorische Experiment mit Holz aus Osteuropa wird auch gleich sein gelassen.

Die 25 Hektar Rebfläche ergaben, alle im Ertrag, ganze 63.000 Kilo Trauben. Dies gibt schon einmal einen Hinweis, wohin die Reise geht. Da das Projekt in den Consejo der Ökobodegas integriert ist, erübrigte sich hier die Frage nach allerlei Unfug, den man so in den Weinbergen verteilen kann, um das Wohl der chemischen Industrie zu mehren. Bei der alkoholischen Gärung werden Zuchthefen eingesetzt. Rafael ist sich wohl bewusst, das dies nicht der Weisheit letzter Schluss ist, muss aber andereseits erst einmal Fuß fassen und hat darüber hinaus von den Rebsorten Cabernet Sauvignon, Merdol, Syrah und Malvasía genau je einen Tank. Hier mal spontan mit Spontangärung zu experimentieren käme einer modernen Form des murcianischen Roulettes gleich. Auch findet die malolaktische Gärung in den Stahltanks statt. Dies hat aber vor allem den Grund, dass die Barricas noch nicht da sind. Das ging im letzten Sommer alles ein wenig holterdipolter und so blieb erst jetzt Zeit, über die Art der Fässer zu entscheiden. Erst einmal soll es, von den zweieinhalb Flaschen Malvasía einmal abgesehen, zwei Weine geben: einen Monastrell/Syrah mit ein wenig Holz und einen Cabernet ohne Holz. Letzterer könnte spannend werden, denn es gibt nur wenige Ecken Spaniens, das cabernetlastige Katalonien gehört ganz sicher nicht dazu, wo der Cabernet Sauvignon wirklich so ausreifen kann, ohne alkoholisch zu schmecken, wie hier, im hohen Süden der iberischen Halbinsel. Was mit dem Merlot geschieht ist noch nicht klar. Er ist ein Musterbeispiel dafür, dass die Versprechungen der Zuchthefezüchter auch nicht für bare Münze genommen werden können: Trotz Reinzuchthefe und optimaler Gärführung, trotz total gesundem Lesegut, trotz allem möglichen blieb die Gärung bei etwa zwölf Gramm Restzucker stecken und war nicht zu einer Neuaufnahme zu bewegen. Nach dem Durchprobieren aller Stahltanks war schnell der nächste Termin vereinbart: Verkostung aus den Barricas nach drei Monaten Fassreife, also kurz vor de Assemblage. Voller Vorfreude auf das dann sicherlich andere Wetter ging es relativ leicht durch die Schlammrutsche gen Bullas zurück.

Monastrell auf knapp 1.000 Metern Höhe

Dort wartete in Form von Pilar Quesada, der Chefin von Mundo Enológico, diesmal war die Tankstelle des Ortes der Treffpunkt, der zweiten Ökobodega der Denominación de Origen Bullas auf den Besuch. Der Weg zur Bodega ist nur kurz - und geteert. Nach einigen Schleifen durch Vorortgärten und durch einen kleinen Bach war eine schmucklose, auf einem kleinen Hügel gelegene Halle das Ziel. Mit nur vier Hektar Rebfläche ist dies die mit Abstand kleinste Bodega der Region. Zusammen mit zwei Hektar, ebenfalls zertifiziert, die ein befreundeter Weinbauer beackert, kommt die Bodega dennoch auf 25.000 Flaschen Wein. In der Halle selbst schien gerade jemand Tankverrücken gespielt zu haben. Alle Stahltanks, unterschiedlichster Größe und Form, standen wahllos in der rechten Hälfte des Raumes, eine Gesamtkapazität war da nur schwer abzuschätzen. Barricas gibt es siebzehn, alles amerikanische Eiche, neu oder bis zu drei Jahre alt. Darin reift die Selektion des Weingutes, die aber nur eine geringe Rolle spielt. Der eigentlich wichtige Wein ist der im Stahltank ausgebaute, von dem es gerade den Jahrgang 2005 gibt. Bei beiden Weinen zeigt sich schnell das Problem: wenn man insgesamt nur sechs Hektar zur Verfügung hat und 25.000 Flaschen keltert, dann braucht man zumindest 28.000 Kilo oder etwas mehr als 4.500 Kilo pro Hektar. Das ist nun nicht gerade viel, macht sich aber im Vergleich zu den tausend bis zweitausend Kilo anderer Bodegas schon bemerkbar. Darunter leidet insbesondere die Crianza, bei der das Holz schon deutlich im Vordergrund steht. Der Jungwein wurde mithilfe von maceración carbónica gekeltert, zwar nur bei zehn Prozent des Mostes, aber das reicht schon aus, um diesen fruchtig frischen Ton der Primeur-Weine zu erhalten, der leider auch hier eher dazu da ist, ein gehöriges Nichts geräuschlos in den Hintergrund zu drängen.

Es ist eines dieser Projekte, welches als kleines Hobby begann und als großes Hobby weiterlebt. Als Haupterwerbsquelle kann es bei gerade einmal drei bis vier Euro pro Flasche Wein nicht ausreichen, als reines Hobby ist es inzwischen schon zu groß. Gerade war die Bodega auf der Biofach vertreten, ohne jedoch in diesem Markt richtig Fuß zu fassen. Holland und Stuttgart sind die zwei Exportziele der Bodega in ihrer jetzigen Phase. Der Rest der Produktion wird vor allem am Wochenende an die durstigen Murcianos und die Küstentouristen verkauft.

Zum ersten Teil "Antonio kommt um fünf"

Zum dritten Teil "Der Abstand zwischen International und Innovativ"

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