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Evangile 1997Es bleiben im Weinkeller oft die sogenannt „schlechten Jahrgänge“ liegen: grosse Weine, aber ein schlechtes Jahr. Wer will schon sich selber oder Freunden einen „schlechten“ Wein vorsetzen? Vielleicht war er sogar – wie in diesem Fall – bei der Subskription einst teuer (wie der Bordeaux-Jahrgang 1997 generell). Und jetzt – siebzehn Jahre später: ein „Auslaufmodell“. René Gabriel: „Wer einen viel zu teuren Pomerol auf seiner Abschiedsreise erleben will, muss hier zuschlagen.“ Ein solch hartes Urteil verbreitet sich in Windeseile in der Wein-Liebhaberwelt. Ich distanziere mich schon seit einiger Zeit von diesen Pauschalurteilen, schlicht und einfach, weil ich immer und immer wieder ganz andere Erfahrungen mache. Weine, die angeblich „sehr weit sind und nach Kochschokolade und erdigen Konturen schmecken“ (so Gabriel zu diesem Evangile) entwickeln sich in meinem Glas ganz anders. Zum Beispiel (wie hier):  leicht kirschiges Aroma, Rosenblätter, eher sanft aber mit Charme, weiche, gut verschmolzene Tannine, etwas Mango oder Pralinen im Abgang. Kein lauter Wein: aber ein intensiver, leiser, schöner… Bin ich da zu einem andern Jahrgang geraten? Wurde – irgendwo und wann – die Etikette vertauscht? Es ist nicht das erste Mal, dass ich diese oder eine ähnliche Erfahrung mache. An diesem Abend gleich zweimal. Später noch mit einem Wein von Mission Haut-Brion, Jahrgang 1993. Auch ein Wein, der längstens hätte „mit Verdacht“ entlassen werden sollen. Er ruhte noch in meinem Keller, wie der 97er Evangile. Und kam heute ins Glas. Diese permanente Jahrgangsdiskussion erweist sich immer mehr (und immer öfter) als Rufmord an Weinen. Ich bestreite nicht, dass es bessere und „schlechtere“ Jahrgänge gibt, dass die vegetative Entwicklung im Rebberg, das Wetter, vor allem Kälte und Hitze, aber auch Hagel, Trockenheit und weiss nicht was, ihre Auswirkungen haben, auch auf den Wein. Doch genau so einflussreich sind die Vinifizierung, das richtige Gespür des Winzers für die richtigen Massnahmen zur richtigen Zeit. Ja, ich gehe noch einen Schritt weiter: auch die Lagerung und – vorher die Reise (oder Reisen) vom Weingut über den Handel bis zum privaten Keller, aber auch das perfekte Dekantieren und schliesslich die „richtige“ Stimmung und die (oft hochgeschraubten) Erwartungen sind wichtige Faktoren für eine spontane und „gerechte“ Weinbeurteilung. Evangile 3 Zugegeben „alte Jahrgänge“ sind weit stärker vom Wetterverlauf eins Jahres abhängig, als heutige, ganz einfach, weil man inzwischen gelernt hat, die Weinberge entsprechend zu pflegen, die Erntemenge zu reduzieren und vor allem, weil bei der Verarbeitung so ziemlich alle technischen Hilfsmittel zu Verfügung stehen, damit fast immer eine recht hohe Qualität erreicht werden kann. Jahrgangsunterschiede gibt es zwar weiterhin, doch sie sind kaum mehr mit „gut und schlecht“ zu umschreiben, viel eher liegt der Unterschied etwa in der Aromatik, Dichte und Textur. Doch diesen Unterschied gibt es auch bei jedem Weingut und bei jedem Wein. Bei älteren Weinen – wie bei diesem Evangile – hat die Entwicklung im Rebberg noch eine grössere Bedeutung. Doch sie darf – hier wieder einmal ein Beweis – einfach nicht generalisiert werden. Es gibt sie, gute Weine auch aus schlechten Jahrgängen. Auch wenn es nur gerade diese eine Flasche ist. Ein Zufall, der jeder Wahrscheinlichkeitsrechnung spottet.

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