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Die Verbindung zwischen Bierzo und mir ist eine durchaus spezielle. Auch wenn es sich in keinster Weise rechnet, geschäftlich mit der ganz im Nordwesten von Castilla y León gelegenen Region zu arbeiten, so lässt sie mich doch nicht los. Und das schon seit mehr als einem Jahrzehnt.

Man schrieb das Jahr 1994. Deutschland konnte seinen Titel mal wieder nicht verteidigen. Von wegen, auf Jahre hinaus unschlagbar! Die Landschaften blühten nur zögerlich, und ich begann, mich für den Weinbau in Spanien zu interessieren. Der Grund, weswegen ich bei meiner ersten Reise ausgerechnet Bierzo besuchte, ist mir entfallen. Das Motto der Region hat auch dreizehn Jahre später nichts an ihrer Aktualität verloren: „Bierzo ist die Region der Zukunft” Dieser Satz begegnete mir in fast jeder der damals etwa 15 Bodegas, auch wenn das ob der gebotenen Qualitäten meistens nur das hilflose Rufen in tiefem Walde war. Bei Lichte betrachtet ist das heute nicht viel anders. Immer wenn man meint, dass die Region nun endlich in ihrer eigenen Zukunft angekommen zu sein scheint, gibt es einen kleinen Schubs, und Bierzo darf wieder von vorne anfangen.

Typisch bercianische Häuserform in Cacabelos% dem Sitz des Consejo Regulador D.O. Bierzo

Dabei hat die kleine Enklave, die ganz sicher nicht mehr kastilisch, aber auch noch nicht so richtig galizisch ist, eine ganze Menge zu bieten. Alle, mit denen ich in die Region reiste, waren ob der Landschaft, der einfachen, aber traditionellen und schmackhaften Gerichte, der Offenheit der Menschen begeistert.

In ihrer jüngeren Geschichte hat Bierzo nicht nur als Weinregion, sondern auch in touristischer Hinsicht so ungefähr alles falsch gemacht, was man so falsch machen kann. Fakt ist: Bierzo war eines der Kulturzentren der Römer auf der iberischen Halbinsel. Die Goldgräberstätten in Las Medulas, Castro Ventos, Bergidum Fluvium, die ganze bercianische Seele basiert auf der glorreichen Zeit der Römer, die sich hier ausnahmsweise einmal gesittet aufführten. Als die Westgoten und die Vandalen in der Region herrschten, versank sie schnell in der Bedeutungslosigkeit. Und während der langen Fehde zwischen den Mauren und dem Königreich Aragon war Bierzo auch nicht von zentraler Bedeutung.

Dies allerdings änderte sich schlagartig, als der Jakobsweg Menschen aus ganz Europa anzog, als sich die Pilger auf den staubigen Wegen von Navarra nach Galicien quälten. Der Jakobsweg hat die Region ein wenig bekannt gemacht. Aber wer weiß schon, dass sie nach Santiago de Compostela der zweitwichtigste Flecken der ganzen Route war? Denn hier konnten die Alten und Gebrechlichen, die ob des langen Weges Geschwächten, Absolution erhalten, wenn sie es denn bis an die Stelle am Ufer des Burbia geschafft haben, an der heute eine Jakobus-Statue den Weg gen Galizien weist. „Auch wenn Dein Herz in der Region hängt, mach‘ dich auf, Wandere, gen Galizien.” So steht es geschrieben, wobei nicht klar ist, ob das Herz ob der Landschaft, der Menschen, der herrlich aromatischer Paprika, des wuchtigen Botillo, des scharfes Aguadiente oder des bercianischen Weines hängenbleibt.

Der "heilige" Berg Bierzos. Hier stand das Lager der Römer% die Seele Bierzos

Eines ist klar: wenn es irgendwo hängt, dann in Villafranca de Bierzo, in diesem quirligen Ort, der sich schon fast schüchtern an die mächtigen Berge schmiegt, die Bierzo gen Galizien abschirmt. Egal, ob man nachmittags um vier oder nachts um drei durch die Calle de Agua schlendert, sie präsentiert sich immer eindrucksvoll. Nicht pompös, wir sprechen von einem Ort mit 2.000 Einwohnern, eher voller zurückhaltender Eleganz. Villafranca wurde von den Mönchen aus Cluny geprägt. Sie erbauten ein Kloster, ein Krankenhaus, ein Hospiz, dazu Schulen und andere Gebäude. Und sie brachten den Wein nach Bierzo. Legenden zufolge soll es dieselbe Sorte gewesen sein, die heute als Cabernet Franc bezeichnet wird. Bewiesen ist das nicht. Und selbst wenn die Wurzeln die gleichen sind, 700 Jahre in einem ganz anderen Umfeld bewirken doch Einiges.

Bierzo ist quasi eine Einrebsortenwelt. In den Weinbergen des kesselartigen Gebildes mit gerade einmal 380 Höhenmetern unten am Sil, aber Bergen, die sich bis gen 1.500 Meter emporschwingen, steht die Sorte Mencía, Fluch und Segen der Region. Mencía ist anders, so gar nicht spanisch, schon irgendwie französisch, was der Cabernet-These Nahrung gibt. Jedoch sind es wohl vor allem die geologische Situation sowie das Agieren der Menschen, die die Charakteristik der Mencía bestimmen.

Gut 4.000 Hektar Rebfläche findet man in Bierzo. Da die Region während der Diktatur nicht dem Getreideanbau Tribut zollen musste, sind alte Rebstöcke keine Seltenheit. Grob geschätzt sind zwei Drittel aller Rebstöcke mehr als 60 Jahre alt. Anfangs hat mich dies begeistert. Heute beschleichen mich doch eher Zweifel. Während andernorts in Galicien mit kleinbeerigen Klonen gute Ergebnisse erzielt werden, gab es in Bierzo über Jahrzehnte hinweg kaum ein Weiterentwicklung in Sachen Rebsorte. Das größte Problem aber ist die Realteilung bei der Erbfolge. Nirgends in ganz Spanien gibt es derart kleinteiligen Weinbau. Auch wenn die Menschen, die einen hier mit dem Spruch „Willkommen im Burgund Spaniens” begrüßen, eher die Landschaft im Sinne haben - die allerdings mit der des Burgund nun irgendwie gar nichts gemein hat, eher schon mit dem Allgäu - so sind die Miniparzellen in Wahrheit das wirklich Vergleichbare beider Regionen.

Alte Reben sind längst nicht immer ein Segen

Der Viñademoya, eine der guten, in seinem Kern sogar ausgezeichneten, da auf Schiefer basierenden Lagen, weist bestenfalls sieben Hektar auf, jedoch weit über 100 verschiedene Parzellen. Die Situation von Bodegas wie Luzdivina Amigo ist so selten nicht: sie haben nicht weniger als sechs verschiedene Parzellen in dem Weinberg, keine ist breiter als vier Reihen. Und niemand wollte bislang verkaufen, wobei sich dies schon zu ändern beginnt. Denn die vielen kleinen Weinbauern, die ihre Trauben an stets gierige Genossenschaften oder große Handelskellereien in Bierzo oder aber in Galicien verkaufen, bekommen gerade einmal 30 Peseten für das Kilo Trauben. Der Euro ist hier, wie in vielen Regionen Spaniens, zwar in den Geldbörsen angekommen - in den Köpfen hingegen nicht. 30 Peseten, das sind gerade einmal 18 Cent, bei Handarbeit, denn die Hanglagen lassen kaum maschinelles Arbeiten zu. Der Generationswechsel ist oftmals der Zeitpunkt, der dem unrentablen Arbeiten ein Ende setzt. Die jungen Leute ziehen kaum weg, Industrie, Handwerk, Obstbau oder auch der Tourismus bieten gute Arbeitsmöglichkeiten, aber sie wollen sich für das wenige Geld nicht so schinden. Und die Euphorie der Bodegagründungen ist längst verflogen

Zum zweiten Teil: "Bierzo - Rey muerto, rey puesto."
 
Zum dritten Teil: "Bierzo - Zwischen Fasswein und zwei Fass Wein" 

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