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”Nein!”, schnaubt Manuel, als ich ihn nach dem Lohn seiner Arbeit frage, ”leben kann man von diesem Job nicht mehr.” Der hagere Winzer mit dem buschigen Schnauzbart hält inne und stützt sich an den Feigenbaum, der mitten in der Steillage des Viñademoya in Parandones steht. Aus der Tasche seiner olivgrünen Jacke kramt er den Rest eines Cigarillo hervor. ”Früher”, und bei diesem ”früher” bläst er die gesamte Wut mit dicken Rauchwolken in den ausnahmsweise grauen Junihimmel, ”früher hat man die Familie von Weinbau gut ernähren können.” Der Fassmarkt in Galicien habe ihm ein gutes Einkommen gebracht. Und selbst die Genossenschaften hätten gut gezahlt. Heute bekommt er pro Kilogramm Trauben gerade einmal 25 Peseten von der Bodega, an die er die Trauben liefert. Wenn er Glück hat, und nach Galicien verkaufen kann, dann sind das immerhin noch 30 Cent für das Kilo Mencía. Aber selbst das reiche hinten und vorne nicht. Insbesondere, weil in den steilen, verwinkelten Parzellen alles, aber auch wirklich alles reine Handarbeit ist. Zwölf Hektar besitzt Manuel, den alle in Parandones nur Manolo nennen, aber er wird sie wohl nicht mehr lange beackern. ”Ein Jahr noch, dann ist Schluss. Die Jungen sind weggezogen oder arbeiten in Ponferrada. An der Knochenarbeit in den Weinbergen haben sie kein Interesse mehr.” Der Zigarrenrest fliegt im hohen Bogen in einen Weggraben und Manolo zieht wieder mit der Spritze und dem Kupfersulfat durch die Zeilen seiner Parzellen.

Typische Weinbergsstruktur in Bierzo. Jede Parzelle ist nur wenige Reihen breit.

So wie Manolo geht es vielen in der Region. Der Generationenwechsel steht bevor und die Nachfolger wollen nicht mehr. Und was passiert mit den Weinbergen? Als ich mit Marcos García von Vinos de Valtuille durch die Weinberge wanderte, erklärte er mir, dass es drei verschiedene Lösungen gebe: ”Verkaufen, verpachten und gratis verpachten.” Meinen ungläubigen Blick bemerkend, meinte er nur: ”Ja! Viele geben dir die Parzellen. Aber du musst sie alle bestellen. Auch die, die nicht viel taugen oder einen hohen Weißweinanteil haben.” Für Leute wie ihn oder Javier Amigo von Luzdivina Amigo, ist das einerseits interessant. Denn auf diese Weise können etwa die Amigos, die im Viñademoya bislang fünf Parzellchen von zumeist gerade einmal drei oder vier Zeilen Breite hatten, einen zusammenhängenden Weinbergsbesitz schaffen. Aber andererseits ist das auch wieder schwierig, weil die Weinbauern, die nur vom einzig auf Kilo und potentiellem Alkohol basierenden Traubenverkauf leben, aus dem Weinberg herausholen, was geht. Dünger ist preiswert und so ein Stock kann auch zwölf oder fünfzehn Kilo tragen, wenn es denn unbedingt sein muss. Und bei all den Manolos, die genau davon leben, muss es sein. ”Fünf bis sechs Jahre”, so Javier Amigo, ”braucht der Weinberg, ehe eine Veränderung sicht- und schmeckbar ist.” Er muss es ja wissen. Denn bis zum Anfang dieses Jahrzehnts haben die Amigos selbst als reine Traubenlieferanten gearbeitet.

Die, die auf der Sonnenseite stehen, sind, wie überall auf der Welt, in der Minderheit. Und sie eint, dass sie einen Namen mitbringen, sei es nun Alvaro Palacios als Stichwortgeber für Ricardo Pérez oder aber Mariano García für Luna Beberide respektive Paixar. Allerdings ist Paixar gerade bei Luna ausgezogen und in die kleine Höhle von Lobato Folgueral gewechselt. Das Prinzip von Ricardo Pérez ist so einfach wie genial: Schaffe Knappheit bei hoher Qualität. La Faraona: 2 Barricas, Las Lamas etwa sechs, Moncerbal und Sanmartín auch nicht mehr. Aber Ricardo ist nicht nur ein guter Vermarkter, er ist auch der unumstrittene Vordenker der Biodynamiker in Spanien. Leute wie Daniel Jiménez-Landi oder Bertrand Sourdais kommen nach Villafranca, um gemeinsam mit Ricardo die für biodynamischen Weinbau unerlässlichen Produkte 501 bis 508 herzustellen. Und Ricardo hat das Buch von Nicolas Joly ins Spanische übersetzt, die Bibel der Biodynamiker. Ob die Präparate nun wirklich etwas bringen, sei einmal dahingestellt. Wichtig ist, sich intensiv mit Böden und Klima, mit Terroir und dem eigenen Verhalten auseinanderzusetzen.

In Parandones und in Corullón stehen die Stöcke auf rotem Schiefer. (Mencía 14 Tage vor der Lese)

Terroir, biodynamisches Arbeiten, Lagenweine und ertragsbeschränkende Maßnahmen, all das interessiert die, die im wirklichen Bierzo das Sagen haben, nicht die Bohne. Addiert man die Kapazität der sechs größten Betriebe - Handelskellereien oder Genossenschaften - zusammen, Cepas del Bierzo, Vinícola del Bierzo, Señorío de Peñalba, Vilafranquina, Vinos del Bierzo sowie Viñas del Bierzo - wobei die beiden letztgenannten eine Kapazität von jeweils etwa 14.000.000 Litern haben - so summiert sich das auf etwa 60 Millionen Liter, das sind vier Ernten der Region. Was die sechs nun wirklich verarbeiten, abfüllen und vermarkten, ist nicht so einfach zu durchschauen, da der eine an den anderen verkauft, Fasswein je nach Bedarf weitergeschoben wird - und neben D.O. Bierzo auch noch jede Menge Tafelwein abgefüllt wird.  So richtig nachvollziehen kann oder will das niemand. Vielleicht auch deswegen, weil es im nationalen Rahmen irrelevant ist. Jede der 50 größten Bodegas der Mancha verarbeitet mehr Trauben als die D.O. Bierzo insgesamt und Pagos del Rey, die größte Bodega in Ribera del Duero, schmeißt Jahr für Jahr mehr Flaschen auf den Markt als alle Bercianos zusammen.

Valtuille und Corullón (im Hintergrund am Berg). Die Qualitätszentren der Region.

Bleiben zwei Fragen: Ist es wichtig und nötig, sich überhaupt mir Bierzo zu beschäftigen? Und: Wo wird Bierzo in fünf oder zehn Jahren stehen? Ersteres ist klar zu bejahen. Denn in einer Weinwelt, die immer mehr von globalen Trands lebt, die immer mehr von global agierenden Weinmachern á la Rolland dominiert werden, ist es wichtig, einen Contrapunkt zu setzen. Das kann Bierzo. Mit der Mencía, die nirgends auf der Welt so elegante und vielschichtige Weine bietet (zumindest derzeit). Mit dem interessanten Bodenmix, der das Thema Terroir zu einer hochspannenden Sache werden lässt. Und mit dem Willen der Bercianos, etwas wirklich eigenständiges schaffen zu wollen.

Die zweite Frage ist nicht so leicht zu beantworten. Der Boom in den USA ist vorbei. Zwar ist das Land noch immer das wichtigste Exportziel, jedoch wird bei einem stetig stärkeren Euro die Luft schnell dünn. Exporte nach China und Japan hingegen sind eine aktuelle Mode, die sich noch nicht richtig in Zahlen niedergeschlagen hat.

Zum ersten Teil: "Bierzo - Ein schlafender Riese?"

Zum zweiten Teil: "Bierzo - Rey muerto, rey puesto."

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