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In der globalisierten Weinwirtschaft geht es offensichtlich nicht nur friedlich zu. Zu viel Geld und Macht stehen auch hier auf dem Spiel - ganz wie im richtigen Leben. Die dunklen Seiten der schönen neuen Weinwelt sind immer häufiger Stoff für kompakte Weinkrimis und umfangreiche Weinromane, die geschickt das Interesse vieler Krimileser an spannenden „Plots”, attraktiven Weinregionen und beiläufig eingeflochtenem Weinwissen bedienen. Die Weinkrimi-Autoren Paul Grote und Andreas Wagner zeigen mit ihren aktuellen Krimis auf unterschiedliche, aber jeweils erfolgreiche Weise, wie vinophile Gegenwartsdramen zu ebenso spannenden wie lehrreichen Touren in europäische Weinwelten einladen können.

Der Autor Paul Grote hat viele Seiten: Erfolgreicher Werbekaufmann, studierter Soziologe und Politologe, langjähriger Journalist und Fotograf in Südamerika, heute erfolgreicher Krimiautor und Weindozent in Berlin. Wenn er seine europäischen Weinromane unter das Motto „Der Mensch, der Wein - und das Böse” stellt, liegt die Vermutung nahe, dass sich in seinen Büchern viele seiner Lebensstationen und Professionen widerspiegeln - und viele seiner dunklen Erfahrungen und desillusionierenden Einblicke in die globale Weinwirtschaft einfließen.

Beispielhaft für die spannende Darstellung der Weinweltmodernität steht sein Roman „Rioja für den Matador”: Der deutsche Weinjournalist Henry Meyenbeeker, Chefreporter der Wein-Fachzeitschrift „Wein & Terroir”, reist wegen einer Reportage über eine junge Weinbaukooperative in die Rioja, Spaniens berühmteste Weinbauregion. Kaum dort angetroffen, verunglückt sein Gesprächspartner und Informant Jaime Toledo, der für die Kooperative als qualitätsbesessener Önologe gearbeitet hatte. Sein Verständnis einer unabhängigen, kleinen Kooperative war offenbar zu gefährlich für die üblichen Praktiken großer Kellereien: „Wir wollen Qualität produzieren, wir wollen mit unserem Wein Geld verdienen, wir wollen die Wertschöpfungskette in der Hand behalten und die Trauben nicht wie früher an die Großkellereien abgeben.” War es vielleicht kein Unfall, sondern Mord, weil sich ein Winzer rächte, dessen Lesegut wegen Toledos unbedingtem Qualitätsanspruch abgelehnt wurde? Mit jeder neuen Ungereimtheit bekommt Meyenbeeker zunehmende Zweifel an der Version des Unfalltodes - und findet sich rasch in einer von vielen unerwarteten Verwicklungen und überraschenden Wendungen geprägten Kriminalgeschichte wieder.

Belogen, bedroht und niedergeschlagen, verhaftet von korrupten Polizisten und entführt von Handlangern des Mörders, gelingt es Meyenbeeker dennoch, die Machenschaften des kriminellen Auftraggebers Schritt für Schritt zu enthüllen. Mit beiläufig eingestreuten Informationen über die spanische Weinkultur und mit kritischen Bemerkungen zur Bauwut in der Rioja, die sich an Imitaten der Architektur von Frank Gehry versucht, verleiht Grote seinem Krimi Aktualität und realistischen Hintergrund - und mit der Einführung geheimnisvoller Informanten, einem Traubenschmuggel unter dem Schutz der Guardia Civil und einem rauschgiftsüchtig-größenwahnsinnigen, auf das „globale Geschäft” erpichten Jungmanager gelingt Grote die Komposition eines außerordentlich spannenden Weinkrimis, den auch anspruchsvolle Krimileser nicht so schnell aus der Hand legen dürften.

Nicht weniger packend, ebenso dicht komponiert und vollgepackt mit regionalen Informationen erweist sich auch Grotes Roman „Verschwörung beim Heurigen”, der in der europäischen Wein-Krimi-Reihe berühmte österreichische Gegenden - den Neusiedler See und die burgenländischen Weinberge - zu Orten dramatischer, spannungsreich verflochtener Handlungsstränge werden lässt: Der in Stuttgart lebende Übersetzer Carl Breitenbach verbringt mit seiner Ehefrau, der begeisterten Windsurferin Johanna, einen mehrwöchigen Urlaub in der burgenländischen Hauptstadt Eisenstadt.

Während sich Johanna begeistert nicht nur dem Surfsport, sondern auch ihrem attraktiven Surflehrer widmet, möchte Breitenbach vor allem die Biowinzerin Maria Sandhofer treffen, in die er sich wenige Wochen zuvor bei einer Verkostung in Stuttgart verliebt hatte. Kurz nach dem Wiedersehen stürzt Maria in ihrer Kellerei zu Tode; Breitenbach hat einen ihm verdächtig erscheinenden Mann gesehen, der fluchtartig das Weingut verlassen hat. Breitenbachs Versuch, als Tatverdächtiger auf eigene Faust den Mörder zu finden - unterstützt lediglich von Mitgliedern der Winzerinnenvereinigung „Die Sieben” - und dabei in die kriminellen Machenschaften um den Bau einer Autobahn durch die burgenländischen Weinberge einzudringen, wird von Grote virtuos und spannungsreich inszeniert.

Der Leser erfährt nicht nur einiges über österreichische „Wesenszüge” (bei Konflikten wird „kein Porzellan zerschlagen, was man hinterher nicht kleben könnte”)  und das für manche Regionen offenbar besonders segensreiche Wirken der Brüsseler Weinbaupolitik, sondern auch derart viele önologische Details, dass die kriminellen wie die kriminalistischen Handlungsfäden zuweilen nur als Vorwand für die weinfachlichen Exkurse zu dienen scheinen. Bei der Beschreibung der geradezu mafiösen, „beim Heurigen” beschworenen Verquickung von Politik und Wirtschaft zur rücksichtslosen Durchsetzung höchst profitabler Projekte, wie etwa eines Autobahnbaus durch weinbauliche Kulturlandschaften, wird deutlich, dass Grote über Kenntnisse verfügt, die er sich nicht zuletzt durch intensive Recherche „vor Ort” erworben haben muss.

Mehr „Lokalkolorit” - am Beispiel der  rheinhessischen Verbandsgemeinde Nieder-Olm und Umgebung - hat der Essenheimer Winzer Andreas Wagner seinen Krimi-Erstling „Herbstblut” verliehen: Nach gescheiterten Beziehungen - mit der Freundin und zu Vorgesetzten - findet der Dortmunder Polizist Paul Kendzierski einen neuen Arbeitsplatz in der rheinhessischen Provinz: Als Bezirkspolizist der Verbandsgemeindeverwaltung wird Kenzierski nach wenigen Tagen mit dem Tod des polnischen Arbeiters Jozef in der Kelter des Essenheimer Winzers Karl Bach konfrontiert. Fast atemlos, mit schneller Szenenfolge wird die Geschichte entwickelt: War es der „klassische” Gärunfall - oder doch Mord? War es der Sohn seiner rheinhessischen Geliebten, die Jozefs geplante Existenzgründung in Polen finanziell unterstützen wollte? Wurde ihm seine frühere Beteiligung an einem langjährigen Schmuggel mit Elektrogeräten zum Verhängnis?

Die Ermittlungsarbeit wird nur nicht mit selbstquälerischen Überlegungen eines Provinzpolizisten in der mittleren Lebenskrise grundiert, sondern auch mit Facetten rheinhessischer Weinkultur und Lebensart. So lernt der eher mit „Bausachen” vertraute Kenzierski in einer Weinstube die alltäglichen Probleme rheinhessischer Feierabendwinzer kennen: „Wir Nebenerwerbswinzer sterben so langsam aus. Noch vor fünfzehn Jahren hatte hier jeder seinen Weinberg… Mit der nachkommenden Generation schwindet das. Denen fehlt die Bindung.” Der Wirt äußert nicht nur melancholische Einsichten, sondern vermittelt  dem Polizisten auch Erweckungserlebnisse: Zunächst durch einen Grauburgunder von alten Rebstöcken: „Das Aroma füllte seinen ganzen Mund aus, legte sich auf seine Zunge” - und dann mit einem Riesling mit einem „Hauch der Gärungskohlensäure. Das prickelt und lässt ihn schön erfrischend wirken.” Langsam baut er eine Beziehung zu dem für ihn bislang unbekannten Kulturprodukt Wein auf und lernt seine ersten Lektionen - etwa wie aus roten Pinot-Noir-Trauben ein Weißwein, Blanc de Noir, entstehen kann.

Andreas Wagners Premierenkrimi „Herbstblut” beschreibt mit erstaunlicher Dichte und Spannung einen Kriminalfall  „im Herbst, in der Gärzeit” - und schildert parallel zu den Ermittlungen des Polizisten nicht allein die Verwandlung des Lesegutes in ein hochwertiges Produkt aus Handwerk und Kunst, sondern auch die langsame Verwandlung des frustrierten Ermittlers in einen für gemächliche Lebensart und regionale Genüsse aufgeschlossenen Menschen.

Beide Autoren wissen ihre Leser zu fesseln, wenn auch mit unterschiedlichen stilistischen und inhaltlichen Mitteln: Während Paul Grote sowohl der psychologischen Durchdringung der Charaktere als auch dem weinfachlichen Hintergrund deutlich mehr Raum gibt (so dass sich mittlerweile ein weinfachliches Register im Anhang empfehlen würde), skizziert Andreas Wagner die Hauptfiguren kürzer und prägnanter, die Handlung ist deutlich straffer. Die Akteure, ob nun Winzer oder Polizisten, Gastronomen oder Journalisten, werden mit knappen Strichen gezeichnet, Atmosphäre und Motivation mit wenigen Sätzen charakterisiert. Bei Grote ist es der Wein selbst, der als bedeutender Wirtschaftsfaktor zu kriminellen Machenschaften führt, bei Wagner prägt der Wein den Hintergrund und die Landschaft, in der sich die Verbrechen ereignen. Bei beiden Autoren wird jedenfalls deutlich, wie sehr sich der Wein - als ökonomisch wie kulturgeschichtlich so bedeutsames Motiv - offenkundig hervorragend als „roter Faden” krimineller Verwicklungen und ihrer Aufklärung eignet.


Paul Grote: Rioja für den Matador. München: Deutscher Taschenbuchverlag, 2006. Kriminalroman.  ISBN 978-3-423-20930-4. 352 Seiten. Euro 8,90 (D), Euro 9,20 (A), SFR 15,90

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Paul Grote: Verschwörung beim Heurigen. München: Deutscher Taschenbuchverlag, 2007. Kriminalroman. ISBN 978-3-423-21018-8. Seiten. Euro 8,95 (D), Euro 9,20 (A), SFR 15,90.

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Andreas Wagner: Herbstblut. Ein Wein-Krimi. Ingelheim: Leinpfad Verlag, 2007. ISBN 978-3-937782-62-1. Broschur. 192 Seiten. 9,90 Euro (D).

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